Balthasar Freiherr von Campenhausen und der Wald Sõrve (Sworbes)

Toivo Meikar

 

Nach den Studien an den Universitäten Helmstedt, Halle und Leipzig, nach den Reisen in Westeuropa und dem Dienst bei den deutschen Herzogen kehrte der 31-jährige Balthasar von Campenhausen im Jahre 1777 in die Heimat zurück. Er hatte Jura, Mathematik und Kameralwissenschaften studiert, darunter auch Grundlagen der Forstwirtschaft. Als Militärperson nahm er in den Jahren 1776/1777 an den kartographischen Arbeiten teil, was für ihn in seiner späteren forstwirtschaftlichen Tätigkeit gewiß von großem Nutzen war. Und dann natürlich die in der deutschen Forstwirtschaft gemachten Beobachtungen. Sicherlich war er bekannt auch mit der zeitgenössischen deutschen forstwirtschaftlichen Literatur. Es kamen später noch seine eigenen praktischen forstlichen Erfahrungen hinzu. Das alles machte Campenhausen zu einem der belehrtesten Spezialisten des Forstwesens in seiner Heimat. Mit seinem Namen ist die Entstehung der Forstwirtschaft in Liv- und Estland am unmittelbarsten verbunden (Neuschäffer 1991: 51-55; Precht 1988: 268, 276).

Seine forstlichen Ansichten formulierte Campenhausen zum ersten Mal schon ein Jahr nach seiner Ankunft in die Heimat in einer handschriftlichen Arbeit "Vorschläge des Herrn Landrath Baron von Campenhausen sämtliche Waldungen forstmäßig einzurichten" (Precht 1988: 257-276). Das war eine Programmarbeit, die neben der Organisierung der Forstwirtschaft auch Erörterungen theoretischer Art enthielt, z.B. über die Notwendigkeit und Nützlichkeit der zielbewußten Bewirtschaftung der Wälder, über die konkreten forstwirtschaftlichen Maßnahmen usw. enthielt.

Im Jahre 1777 zum Landrat gewählt, war das Campenhausens Programm anfänglich als ein Vortrag auf dem livländischen Landtag vorgesehen (Neuschäffer 1991: 51). Es erzielte aber zum Schluß dank der Stellung Campenhausens im Staatsdienst eine beträchtlich konkretere Folge. Man muß hier die Tatsache (wie es in den biographischen Publikationen steht) gestehen und es nicht außer Acht lassen, dass Campenhausen bis 1783 als Oberdirektor der Generalökonomie Livlands arbeitete und sich schon damals mit dem Organisieren der konkreten Forstwirtschaft der Kronswälder beschäftigte.

Zum ersten Mal treffen wir den Namen Campenhausen auf dem Patent des Schiffsverkehrs auf Düna (Daugava) vom Generalgouverneur George von Browne vom 23. März 1778 (Livländische ..., 23. 03 1778). Laut der kaiserlichen Resolution vom 18. Juni 1779 wurden in den Kronswäldern Livlands Förster angestellt, die Campenhausen als dem Oberdirektor der Generalökonomie einen Eid ablegten (die ersten Nachrichten vom Jahre 1780). Vom fünften bis achten Mai 1780 erhielten die neuen Beamten die erste Handlungsdirektive, die kurz ihre wichtigsten Pflichten und Rechte festsetzte (EHA, F. 291, Reg. 1, Nr. 1419, Bl. 16-18; Livländische…, 09.05.1780). Ab 1781 gibt es schon Nachrichten von einer speziellen Instruktion an die Förster des Kreises Pernau. Am 26. November 1782 unterschrieb Campenhausen sein bekanntestes und bedeutendstes Werk "Forstinstruction für sämtliche publique Wald-Förster des Herzogthums Liefland und der Province Oesel" und das dazu gehörende Reglement für die Bewirtschaftung der Krongüter. Als Patent des Generalgouverneurs vom 24. Apr. 1783 wurden sie rechtskräftig und kamen auch im Estländischen Gouvernement zur Geltung (Livländische…, 24.04.1783).

Diese Instruktion auf 22 Seiten kann man für eine Höchstleistung des forstlichen Denkens im 18. Jahrh. in den baltischen Gouvenements halten. Sie gründet sich vor allem auf der schon im Jahre 1778 verfaßten Arbeit, ist aber weiterentwickelt, beträchtlich gründlicher und konkreter. Einerseits hat man hier mit einer Vorschrift zur Organisierung der praktischen Forstwirtschaft zu tun, anderseits kann man das auch als ein Handbuch für Forstwirtschaft ansehen. In dem unmittelbar die Forsteinrichtung betreffenden Teil verlangte Campenhausen die Unterscheidung der Nadelholz- und Laubholz-, nötigenfalls auch der Strauchwirtschaft. Im ersten Fall muβte der 100-jδhrige (ausnahmsweise 150 - 200-jährige) Umtrieb, im zweiten Fall der 25 - 35-jährige (ausnahmsweise 40 - 50-jährige) und betreffs des Strauchholzes der 15 - 30-jährige Umtrieb festgesetzt werden. Auf Grund des gewählten Umtriebes wurden die geometrischen Jahresschläge abgetrennt. Grundsätzlich hätte man jährlich nur einen Schlag fällen müssen, aber das war keine kategorische Forderung - alles war vom konkreten auf dem Schlag stehenden Walde und von dem praktischen Bedürfnis nach Holz abhängig. So konnte man mehr oder weniger hauen, als es mit dem Jahresschlag vorgesehen war. Die Gleichgewichtsströrungen mußte man durch Hiebe folgender Jahre kompensieren. Die Art der konkreten Bewirtschaftung muβte der Fφrster selbst entscheiden. Um die Entstehung der zu groβen Jahresschlδge zu vermeiden, hielt Campenhausen es für zweckmäßig, die größeren Waldmassive in selbstständige Bewirtschaftungseinheiten einzuteilen, in welchen das Netz der Jahresschläge gebildet werden mußte. Zu derselben Zeit verhielt sich Campenhausen zu den Pflegehieben ganz verneinend, er hielt das für die Verwüstung des Waldes. Auch hielt er die Bewaldung der Schläge für unnötig, man mußte hier nur die Entstehung der natürlichen Walderneuerung gewährleisten. Die Bewaldung neuer Flächen mit Waldkulturen hielt er aber jedenfalls für natürlich.

In der Instruktion findet man für diese Zeit auch neue Ideen, wie z.B. die verhältnismäßig langen Umtriebe, die Anwendung verschiedener Schlagweisen (z.B. nach der Beschaffenheit der Baumbestände) und die Idee der Einteilung des Waldes in Bewirtschaftungseinheiten (Etverk 1982: 75-78).

Was die Forsteinrichtung in der Instruktion von 1783 betrifft, so überstieg die Verwirklichung dieses Punktes den Förstern der Kronswälder im 18. Jahrhundert noch die Kräfte, und erst zu Anfang des nächsten Jahrhunderts treffen wir in den Kronswäldern die von den Ideen Campenhausens beeinfluβten Leistungen. Nur in Holstre (Holstfershof) verwirklichte ein Feldmesser im Jahre 1795 eine elementare Forsteinrichtung, aber nicht auf Grund der Instruktion von 1783 (Meikar 1995: 6). Wohl aber realisierte Campenhausen selbst die vollkommenste Forsteinrichtung seiner Zeit in Saaremaa (Ösel).

Als Generalökonomiedirektor machte Campenhausen seine erste Dienstreise nach Saaremaa im Jahre 1781 und schon 1783 wurde er neben anderen Dienstaufträgen auch zum Leiter der Revisionsarbeiten ernannt (EHA, F. 311, Reg. 1, Nr. l00, Bl. 2). Auβer der Regelung der Agrarverhältnisse betrafen diese Arbeiten auch hiesige Wälder. In ersten Linie wurde hier die Festsetzung der Flächen zum Waldbau im Auge behalten, aber dank Campenhausen begann man auch mit dem Organisieren der zeitgemäβen Forstwirtschaft. Schon am 29. Dezember 1782 informierte er den Generalgouverneur von der Ernennung Christian Peter Baetges zum Förster in Saaremaa, der im nächsten Jahr nach Karjalasma übersiedelte (EHA, F. 310, Reg. 1, Nr. 230, Bl. 3-5). 1784 konnte Campenhausen nach Riga mitteilen, dass er in Saaremaa Schritte unternommen hatte, um eine "forstmäβige Holznutzung" zu organisieren (EHA, F. 311, Reg. 1, Nr. 99, Bl. 15).

Da man die Revisions- und Regulierungsarbeiten kirchspielweise durchführte, wurden die Forstverhältnisse in derselben Reihenfolge geregelt. Zu Anfang der 1790er Jahre war die Halbinsel Sõrve (Sworbe) an der Reihe. Der trostlose Zustand der dortigen Wälder zog die Aufmerksamkeit von Campenhausen auf sich. Hier hatte man mit einem bedeutenden Holzvorrat von Saaremaa zu tun, welcher die Sõrve Baake und die Stadt Kuressaare (Arensburg) mit Holz versorgte.

Noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts zählte man Sopimets von Sõrve zu den besten Bauholz lieferden Wäldern der Insel (Tuiskvere 1955: 22), zu Anfang des nächsten Jahrhunderts wurde er aber für stark verwüstet gehalten, und das wegen des hiesigen Leuchturms. Das veranlaβte die Ritterschaft von Saaremaa in den Jahren 1725 und 1726 die Aufmerksamkeit Peterburgs auf das Geschehene zu richten und zu empfehlen, die schwedische kφnigliche Anordnung wiedereinzusetzen, laut welcher nur Steinkohlen für die Heizung der Feuerbake gebraucht werden durften (Buxhoeweden 1838: 121, 142).

In der Mitte des Jahrhunderts konnten die hiesigen Wälder nur Holzbedürfnisse der örtlichen Krongüter und Kronsbauern bestreiten. Der verwüstenden Waldnutzung kam im Jahre 1746 noch ein groβer Waldbrand hinzu (EHA, F. 311, Reg. 1, Nr. 93, Bl. 2485). Und es handelte sich nicht nur um unregulierte Holzschläge, sondern auch um Schlagweise, denn zum Erhalten gewünschter Sortimente gebrauchte man Wahlhiebe. Dabei blieben die Äste und Wipfel, oft auch des übrige unnötige Material im Walde faulen. In den Kronswäldern hätte man aber vor dem Fällen der stehenden Bäume das Lagerholz aufräumen müssen. Das hatte man aber in Sõrve nicht gemacht. In der Zeit Campenhausens war der Waldboden in Sõrve teilweise so mit Abfall bedeckt, dass man den Wald nur mit groβen Schwierigkeiten durchdringen konnte. Das hinderte auch die natüliche Walderneuerung.

Unter Berücksichtigung der Beschaffenheit der Kronswälder auf der Halbinsel und ihren wirtschaftlichen Bedeutung, entschloβ sich Campenhausen auch hier gleichartig Karjalasma “Sworbe Forstey” zu schaffen. Die Forstei vereinigte die Kronswδlder des Gebietes, die durch den Ländertausch enstandenen Privat- und ehemalige Bauernwälder und Gehölzweiden. Hier müβte man die Forsteinrichtung "nach dem deutschen Forstgebrauch" verwirklichen (EHA, F. 311, Reg. 1, Nr. 100, Bl.. 15; Luce 1815: 80).

Aus den Wäldern Sõrve wurden 3 Bewirtschaftungseinheiten oder Forstreviere gebildet – Palumets, Sopimets und Järvemets. Die Forstei umfaβte 1623 ha und enthielt 1530 ha Waldungen. Rücksichtlich auf die Bauholzbedürfnisse in der Zukunft wurde in den 3 Revieren insgesamt 637 ha (42% von den Waldungen) zum Bauwald bestimmt, der nicht in Jahresschläge eingeteilt wurde, und wo das Fällen des stehenden Waldes möglichst zu vermeiden war. Der übrige Nutzwald wurde in Jahresschläge oder Unterabteilungen eingeteilt. Da in Sopi- und Palumets vorwiegend Misch-, teilweise auch Fichtenwälder standen, wurden die beiden Reviere in 50 Jahresschläge eingeteilt. Järvemets, wo vorwiegend Laubholz stand, wurde in 40 Jahresschläge eingeteilt. Die Jahresschläge wurden zu quartierähnlichen Einheiten oder Hauptabteilungen vereinigt. Die Letztgenannten wurden in der Natur durch fadenbreite Kardinallinien voneinander abgetrennt, die nötigenfalls, geebnet und zu Ausfuhrwegen gemacht wurden. Alle Jahresschläge waren an einer Seite mit Kardinallinie verbunden. Die Schneisen zwischen den Jahresschlägen waren schmal und man kann sie mit den heutigen Visierlinien vergleichen. Die Kardinallinien und gröβtenteils auch die Visierlinien waren schon zu Campenhausens Lebenszeit ausgehauen (Фихтенбег 1888; Meikar 1998).

Mit der Stiftung der Forstei Sworbe (1795) wurde hier J. Doll als Förster angestellt. Unter seiner unmittelbaren Aufsicht war auch Palumets. Zu der schon früher existierten Waldwächterstelle in Sopimets wurde noch eine neue in Järvemets gegründet. Zu Anfang des nächsten Jahrhunderts wurde noch die dritte Waldwächterstelle geschaffen. Viel bedeutender war aber das Ereignis des Jahres 1799, als die Amstelle des Forstmeisters des Kreises gegründet wurde. Der zum Forstmeister ernannte K. H. von Uexküll-Güldenband wurde Fortsetzer und Weiterentwickler der von Campenhausen angefangenen Arbeiten in Saaremaa. Schon als Oberforstmeister des Gouvernements organisierte er in Saaremaa in Jahren 1828 - 1829 umfangreiche Forsteinrichtungsarbeiten, die praktisch alle hiesigen Kronswälder erfaβten.

Die Sõrve Wälder blieben aber auβerhalb dieser Unternehmungen, denn hier wurde die nach den Grundsätzen Campenhausens festgesetzte Forstwirtschaft fortgesetzt. Als die erste Erscheinung der neueren Zeit war die praktische Taxierung der Jahresschläge zu Anfang des Jahrhunderts, die Campenhausen nicht gekannt hatte. Nach der Methode des sog. Normalwaldes wurde zuerst das mögliche Jahresvolumen der Schläge nach den Sortimenten festgesetzt, das aber regelmäβig der realen Tragkraft des Waldes nicht entsprach. Da jetzt vor der Hiebzeit die Jahresschläge genauer taxiert wurden, ermöglichte das den Vorrat des Jahresschlages zu korrigieren, der nun schlieβlich auch der wirklichen Nutzung entsprach. Im Walde Sõrve wurden im Jahre 1806 nach der sog. Methode des Normalwaldes als Vorrat des Jahresschlages beinahe 1800 verschiedene Balken und 2500 Faden Brennholz fixiert (LSHA, F. 3, Reg. 5, Nr. 959, Bl. 15). Schon im Jahre 1811 war aber der Vorrat des Jahresschlages auf 400 Balken und 350 Kubikfaden Brennholz gesunken. Zum Jahre 1830 stabilisierte die jährliche Hiebsnorm auf 300 Balken und 200 Kubikfaden (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 202, Bl. 11; Nr. 1347, Bl. 55). Das wirkliche Hauen war aber beträchtlich minder, in der Regel nur 30-300 Balken und 110 - 190 Kubikfaden jährlich. Dazu kamen noch die Produkte der Sanitätshiebe und der Strauch. Nach Rechnungen kann man den Voranschlagsvorrat eines Jahresschlages auf 1250 fm schätzen, da die wirkliche Nutzung um 1/3 weniger war, als es möglich gewesen wäre. Wenn man es in Betracht zieht, daβ im Jahre 1835 der durchschnittliche Hieb in der Oberforstei (im Jahre 1829 gegründet) Kuressaare (Arensburg) im Laufe von vielen Jahren auf 6280 fm geschätzt wurde, so machten die Sõrve Wälder davon beinahe 1/4 aus.

Der gröβte Teil von den Hieben in Sõrve fand auf den Jahresschlägen statt. Wenn es dort an Baumaterial mangelte, haute man zusätzlich noch in dem Bauwalde – genau so, wie Campenhausen es vorgesehen hatte. Im Bauwalde wurde Wahlhieb angewandt. Da die Intensität des Letztgenannten gering war, so gab es in den hiesigen, vorwiegend in mittlerem Alter stehenden Wäldern zu viel über Schlagreife gestandende und schon tote Bäume. Solche Wälder waren gewöhnlich dicht und hatten keinen jungen Nachwuchs (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 202, Bl. 6-7). Diese unnormale Lage wurde erst im Jahre 1844 liquidiert, als man auch im Bauwalde schlagweise zu hauen begann. Auf Grund des 100-jährigen Umtriebes wurde die Hiebsnorm für 10 Jahre festgesetzt und Jahresschläge mit dem Umfang von 6 ha gebildet. Nach der Taxation des ersten Jahresschlages ergab er 89 Balken, 110 Latten, 77 Kubikfaden Brennholz und 150 Kubikfaden Strauch, oder ungefähr 994 fm (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 1359, Bl. 19, 37, 59). Den Vorrat des Jahresschläges kann man auf 165 fm/ha schätzen.

Praktisch ging das ganze Material unentgeltlich zur Befriedigung der Holzbedürfnisse der hiesigen Kronsbauern und Krongüter. Die wenigen Holzverkäufe hatten einen zufälligen Charakter. Erst mit dem Übergang der Kronsbauern zur Geldrente wurde die Rolle des Holzverkaufs wichtiger, zu gleicher Zeit stieg auch die Intensität des Hauens. In den Jahren 1866 – 1876 wurden den durchschnittlich 400 Balken, 395 Latten, 496 Kubikfaden Brennholz (davon verkaufte man den Bauern ca 300 Kubikfaden für 1525 Rubel) und 240 Kubikfaden Strauch oder insgesamt 3 fm/ha von der Waldung gehauen (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 212, Bl. 9).

Der Standpunkt von Campenhausen, daβ die Wiederbewaldung der Schlδge nicht nötig sei, wurde in den Kronswäldern regelmäβig bis 1830 befolgt. Zur selben Zeit vollzogen sich aber in Saaremaa umfangreiche Waldkultivierungsarbeiten, wobei hunderte Hektare von minderwertigen Weiden, Sandböden usw. bewaldet wurden. Zur Erzielung natürlicher Walderneuerung wurden entsprechende Schlagweisen angewandt, der Boden durch Pflügen und Eggen vorbereitet usw. Bedeutend war auch die Umzäunung aller Schläge, um das Vieh fernzuhalten und den jungen Wald zu schützen. Zur Ausführung dieser Arbeiten standen dem Forstrevier zur nur Bauern zur Verfügung, die unbezahlt eine bestimmte Anzahl von Waldtagen verrichten muβten. Nur fόrs Anlegen umfangreicher Waldkulturen wurden auch Lohnarbeiter eingesetzt.

Im allgemeinen gab es in den Sõrve Wäldern mit der Wiederbewaldung der Schläge keine Probleme. Nach der Schätzung des Jahres 1837 gab es in den letzten zehn Jahren in Sõrve 109 ha Schlagstellen, von welchen nur 37 ha, wahrscheinlich Schläge der letzten Jahre, sich nicht erneuert hatten, d.h. nur 2% von der Waldung (LSHA, F. 77, Reg. 12, Nr. 365, Bl. 81-88). Die Schläge erneuerten sich aber hauptsächlich mit Laubholz. Da man hier in erster Linie mit dem nur Brennmaterial lieferden Walde zu tun hatte, gab es zuerst keine besonderen Probleme. Doch begann man auch in Sõrve in den 1840er Jahren mit der Bewaldung der Schläge, wozu man Voll- und Pflazensaaten mit Kiefern und Fichten machte. Ende des Jahrzehntes wurden hier auch die Baumschulen angelegt, die aber hauptsächlich andere Kronswälder mit Pflanzenmaterial versorgte. Im Jahre 1861 gab es in Sõrve 37 ha Waldkulturen, was aber mit Rücksicht auf den Jahresschlag (ca 11 ha) ziemlich wenig war (LSHA, F. 183, Reg. 158, Nr. 9, Bl. 66). Dichte Baumsaaten und Einbruch des Laubholzes benötigten Pflegehiebe, die aber in Sõrve zu dieser Zeit sehr selten und zufälligerweise ausgeführt wurden. Wir haben hier die ersten Nachrichten von Jahre 1849 (LSHA, F. 195, Reg. 6, Nr. 291, Bl. 213).

Die auf Sõrve liegenden Niederungen litten stellenweise an der übermäβigen Feuchtigkeit. An den Stellen, wo der Abfluss fehlte, fand fortdauernd Versumpfung statt. Mit Entwässerung begann man in Sõrve in der zweiten Hälfte der 1840-er Jahre. Im Jahre 1847 wurde beinahe 1,5 km des Waldbaches gereinigt und 1848 556 m Abflussgraben in Sopimets ausgehoben. Im Jahre 1867 schätzte man die Länge der ausgehobenen Waldgräben auf ca 5 km (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 308, Bl. 39-40; Nr. 3171, Bl. 48-49).

Zu Anfang des Jahres 1860 litten die Fichtenbestände von Sõrve stark an den Schädigungen des Kiefernspinners (Dendrolimus pini). Die beschädigten Waldteile wurden gefällt. Man versuchte die Schläge mit den Kiefern zu bewalden, aber das missglückte, und die Schläge erneuerten sich weiterhin wieder mit Laubholz, vorwiegend mit Birke (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 212, Bl. 5; Nr. 235, Bl. 12).

Im Jahre 1841 wurde eine neue forstwirtschaftliche Beschreibung von Sõrve verfaβt (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 202). Von den 1640 ha Waldungen trennte der Forstmeister 62 ha zum Lohnland ab. Zu dieser Zeit verfügten die vier Waldwächter schon über 47 ha. Von den Hieben und dem Standort bedingt, war die Arten- und Altersstruktur der Bestände sehr verschieden, und sogar die Wirtschaftsbeschreibung gibt darüber keine konkreten Angaben. Hauptsächlich hatte man hier mit einem Mischwald von Fichten-Kiefern-Laubholz zu tun. Als Laubholz dominierten Schwarzerle und Birke, weniger gab es Eschen, Espen und Ulmen. Das Alter der schlagweise bewirtschafteten Wälder erreichte meistenteils 20 – 40 Jahre, der noch ungefällten Schläge 60 – 80 Jahre. Auf den Schlägen beobachtete man überall eine gute Laubholzerneuerung. Im Bauwald dominierten 80 – 120-jährige Fichten und Kiefern. Es gab zahlreiche tote Fichten, der Nachwuchs des Nadelholzes praktisch fehlte. Überall konnte man die an überschüssiger Feuchtigkeit leidenden Gebiete finden, die beinahe 1/3 von den Waldungen ausmachten. Wegen der über Hiebsreife gestandenen Fichten entstand viel Windbruch, der aber regelmäβig als Brennholz benutzt wurde (jährlich ca 50 fm). Im Jahre 1848 wurde eine neue Wirtschaftbeschreibung verfaβt, die aber gröβtenteils die frühere Arbeit wiederholte (Tuiskvere 1939: 389).

In den 1840er Jahren begann man mit der Forsteinrichtung in Russland, die sich auf die den ganzen Staat umfassenden Instruktionen gründete. Zu einem Versuchsgebiet wurde auch das Livländische Gouvernement auβer Saaremaa. Man gestand, daβ die im Jahre 1828 auf Grund der örtlichen Instruktion durchgeführten Arbeiten begründet sind, und es nicht nötig sei, eine neue Wirtschaftsordnung einzuführen, wenigstens nicht zunächst. Und das gilt auch für die schon im Jahre 1796 eingerichtete Halbinsel Sõrve, die eine neue Forsteinrichtung erst im Jahre 1866 bekam. Dieses Jahr bezeichnet das Ende der Campenhausen-Epoche im Walde Sõrve, denn weiterhin erfolgte die Bewirtschaftung der Wälder schon auf ganz neuen Grundlagen.

Nach den Messungen wurde der Umfang des Forstreviers auf 1593 ha geschätzt, davon solleten die Waldungen 1432 ha ausmachen. Damit war die Fläche der Waldung um 99 ha kleiner geworden. Teils hat man hier mit der Transformierung der Waldungen zu tun, aber 56 ha hat man jetzt schon für unproduktive Länder (Sümpfe usw.) gehalten. Dominierende Holzarten waren wie schon früher Fichte und Kiefer, nur stark mit Laubholz gemischt. Auch weiterhin hatte man natürliche Walderneuerung vorgesehen und nur beim Ausbleiben derselben musste man Waldkulturen anlegen. Dagegen musste man in der Zukunft viel Aufmerksamkeit auf die Entwässerung des Waldes richten und für die folgenden sechs Jahre hatte man sogar 28 km Gräben vorgesehen (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 212). Den durchschnittlichen Vorrat der Holzbestände schätzt man auf 126 fm/ha (im Jahre 1841 118 fm/ha) und das durchschnittliche Alter auf 30 – 100 Jahre (im Jahre 1841 40 – 90). Das Kontingent der Fichten betrug ca 40%, der Kiefer 30%, der Schwarzerlen 20% und der Birken 10%. Es wurde zugegeben, daβ die Wδlder von Sõrve sich in einer ganz guten Lage befanden (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 1309, Bl. 30-31).

Im Jahre 1866 verziechtete man teils aufs Netz der Jahresschläge von Campenhausen und ging zur Waldquartierung über. Aber noch im Jahre 1888 konnte man in der Natur die Kardinallinien von Campenhausen unterscheiden, die Schlaglinien waren aber schon längst verwachsen worden (Фихтенберг 1888: 768).

Nach den Angaben der beträchtlich gründlicheren Forsteinrichtung vom Jahre 1899 war der Anteil des Laubholzes (hauptsächlich Birke) schon auf 58% gestiegen, da die früher mit Nadelholz bewaldeten Flächen durch Laubholz ersetzt waren. Der Anteil der stark mit Laubholz (hauptsächlich mit Espen) gemischten Fichten war 16%, der Anteil der Kiefern 26% von den Waldungen. Was die Altersstruktur dieser Bestände betrifft, so war sie ganz unnormal. Wenn in Nadelholzbeständen altere Altersklassen dominierten ( I Klasse nur 2%, II 16%), so dominierten in Laubholzbeständen jüngere Altersklassen. Um dieses Verhältnis zu verbessern, wurden für die Zukunft verschiedene Verjüngungshiebe, umfangreiche Anpflanzungen und andere Maβnahmen vorgesehen (EHA, F. 556, Reg. 2, Nr. 235).

 

Zum Schluβ

  1. Die Sõrve Forsteinrichtung von 1796 war eine der gründlichsten und sachkundigsten von diesbezüglichen Arbeiten im 18. Jahrhundert in baltischen Gouvernements. Campenhausen stützte sich dabei auf die selbstverfaβte Forstinstruktion vom Jahre 1783, die aber bei der Verwirklichung technisch beträchtlich weiterentwickelt wurde.
  2. Bis 1840er Jahre ging man von dem geltenden Wirtschaftsplan aus, nach welchem im Wirtschaftswald schlagweise gehauen wurde, im Bau- oder Reservewald nur nötigenfalls mit Einschränkungen Bauholz gefällt werden durfte. Keine besonderen forstwirtschaftlichen Arbeiten wurden durchgeführt. Die Schläge überlieβ man der natόrlichen Erneuerung, wobei der Anteil des Laubholzes gröβer wurde. Im Bauwalde, der auβerhalb der intensiven Bewirtschaftung blieb, vergrφβerte sich die Anzahl des schlagreifen und όbergestandenen Holzes, es gab zahlreiche tote Bäume. Zu derselben Zeit fehlte der Nachwuchs des Nadelholzes. Stellenweise entwickelte sich die Versumpfung. Eine wesentliche Erneuerung war die zu Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführte Taxation der Jahresschläge.
  3. In den 1940er Jahren begann man, obwohl beschränkt, mit dem Anlegen der Waldkulturen, mit der Entwässerung und den Pflegehieben. Der bisherige Bauwald wurde dem üblichen Wirtschaftswald zugerechnet und ebenso schlagweise gehauen. Im Ganzen wurde die Nutzung des Waldes intensiver. Der Angriff des Laubholzes auf dem bisherigen Gebiet der Fichten dauerte fort, dem die Verheerungen der Forstschädlige im Jahre 1860 mithalfen.
  4. Im Jahre 1866 wurde in Sõrve die sich auf staatliche Instruktion gründende Forsteinrichtung verwirklicht, mit der die bisherige besondere Wirtschaftsordnung aufgehoben wurde. Mit der 70jährigen regelmäβigen Bewirtschaftung hatte sich die Holzproduktion des Forstreviers vergröβert, die allgemeine Beschaffenheit des Waldes verbessert. Zu derselben Zeit hatte die einseitige Tätigkeit des Menschen beträchtliche Veränderungen in der Arten- und Alterstruktur der Bestände verursacht.

 

Literatur

Buxhoeweden, P. W. Beiträge zur Geschichte der Provinz Oesell. Riga und Leipzig, 1838

Etverk, I. Tänapäevane minevikus. 200 aastat Campenhauseni juhendit. – Eesti Loodus, 1982, 2, 73-78.

Luce, J. W. L. Beschreibung der wohlthätigen Anstalten in der Provinz Oesel. Riga, 1815.

Meikar, T. Saaremaa – riikliku metsamajanduse häll Eestis. – Eesti Loodus, 1985, 11, 742-745.

Meikar, T. Metsakorralduse esimesed aastakümned Eestis. – Metsakorraldus Eestis. Tallinn, 1995, 3-9.

Meikar, T. Sõrve metsakorraldus Saaremaal. Die Forsteinrichtung Sworbes (Sõrve) in Ösel (Saaremaa). Tartu, 1998.

Neuschäffer, H. Kleine Wald- und Forstgeschichte Baltikums. Bonn, 1991.

Precht, J. Die Vorschläge Balthasar Frhr. von Campenhausens zur Reform der Forstwirtschaft in Livland. – Zeitschrift für Ostforschung, 1988, 2, 267-276.

Tuiskvere, B. Eesti metsadest möödunud sajandeil. Kuressaare metskond 1848. a. – Eesti Mets, 1938, 10, 345-349; 11, 387-390.

Tuiskvere, B. Kilde Eesti saarte metsanduse ajaloost. – Eesti Metsamees Eksiilis, 1956, 19, 16- 26; 20, 22-25.

Фихтенберг Г. Устроиство Шворбской лесной дачи в 1795 году. - Лесной журнал, 1888, 5, 766-773.

EHA = Estnisches Historisches Archiv

LSHA = Lettisches Staatliches Historisches Archiv

LGRP = Livländische Gouvernements-Regierungs-Patente