Balthasar von Campenhausen und Melioration in Saaremaa
Ülo Vevers, Mait Must
Melioration (zu lat. melioratio - "Verbesserung") oder Bodenverbesserung - d. i. Veränderung der Naturverhältnisse zur Steigerung der Ertragsfähigkeit und folglich des Bodenwertes. Melioration hat eine eigene Rolle in der Entwicklung der Gesellschaft gehabt. Wasser und Nahrung sind untrennbare Begriffe zur Entstehung der Zivilisation. Die Entwicklung der Ent - und Bewässerungsarbeiten allein hat den Grund zur Entstehung der alten Staaten im Tal der Flüsse Nil, Euphrat, Tigris, Indus und Huang He gelegt.
Die Zukunft gehört den Völkern, die masshaltend und sachkundig vorhandene Naturschätze nutzen und dabei nicht vergessen, sowohl den geistigen Reichtum als auch den Reichtum des Bodens zu vervollständigen.
Der letzte Satz charakterisiert meiner Meinung nach besonders gut die Tätigkeit, des heutigen Jubilars - Balthasar von Campenhausen in Saaremaa.
Wahrscheinlich begann die Melioration in Saaremaa mit dem Kommen des Menschen hierher. Das 17. Jahrhundert wird für einen ernsteren Anfang der Melioration gehalten. In seinen Forschungen hat A. Soom die Grabenarbeiten auf der Insel Muhu in den Jahren 1664 - 1672 erwähnt. In derselben Zeit hat man den Boden in Gutshöfen Karja, Kärla, Maasi und Suur-Kaarma trockengelegt. Erwähnt wird auch der Meliorationsplan von De la Gardie aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zur Entwässerung der Gutshöfe von Saaremaa. Gleichzeitig fing man energisch an, Steine vom Feld zu sammeln. Aus dieser Periode stammen die ältesten landwirtschaftlichen Handbücher im Baltikum, in denen es empfohlen wird, Gräben zu ziehen und Mähwiesen zu säubern.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts hat die Entwicklung der Landwirtschaft die Fragen der Melioration wieder in den Vordergrund gerückt. In Handbuch von Jakob Benjamin Fischer aus dem Jahr 1753 wird Landwirdschaft als Wissenschaft behandelt. An erster Stelle wird die Frage der Bodenverbesserung durch Düngung, Verbesserung der physikalischen Eigenschaften des Erdbodens, Entwässerung, Kulturtechnik behandelt. Auch den Kleeanbau konnte er schon dann empfehlen. Das alles war schon vor Campenhausen.
Die Meliorationsarbeiten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden besonders umfangreich genannt. Das begann mit der Regelung der Länder - mit Austausch der Grundstücke von Privat - und Staatsgutshöfen. Das Ziel war, die Zersplitterung der Grundstücke von Gutshöfen in viele von einander Fernbleibende Stückchen zu verringern. Es wurde ebenso klar, dass viele Grundstücke versumpft oder mit Gestrüpp bewachsen waren und keinen Gewinn einbrachten. Da alles den Austausch der Grundstüske zwischen Staats- und Privatgutshöfen erschwerte, sollten die Länder geregelt werden.
Balthasar von Campenhausen war Vorsitzender der Landesregulierungs- und Revisionskommission von Saaremaa und Vizegouverneur Livlands. In seinem Bericht an Kronskammer Livlands erwähnt Campenhausen, dass laut dem Ukas von Katarina II. im Jahre 1769 gegründetes Meliorationsmagazin die ersten Arbeiten zur Entwässerung und Erschliessung der bisher unkultivierbaren Sumpfgebiete finanziert hat. Der ursprügliche Grundfonds des Meliorationsmagazins betrug 574 Rubel geldlich und 2031 Scheffel Getreide. Das Meliorationsmagazin war der Landesregulierungs- und Revisionskommission von Saaremaa unterstellt, deren Leiter Campenhausen war. Sowohl Geld als auch Getreide wurden zinsbringend auf Kredit gegeben, die Zinsen wurden für Meliorationsarbeiten genutzt.
Da die Graben- und Säuberungsarbeiten von Saaremaas Bauern als Pflichtarbeiten unbezahlt gemacht wurden, konnte man mit knappen Summen zu dieser Zeit ein sehr umfangreiches Netz von Hauptentwässerungsgräben und Kanälen gründen. Auf den trockengelegten und gesäuberten Sumpfgebieten wurden viele Mähwiesen gemacht, an denen es in Saaremaa immer gemangelt hatte. Johann Wilhelm Ludwig von Luce, der lange in saaremaa als Arzt praktiziert hatte, hat geschrieben, dass infolge der Entwässerung der Sumpfgebiete Malariaepidemien fast völlig und schwarze Pocken einigermassen verschwunden waren.
Den Umfang der gemachten Arbeiten demonstriert am besten der in Jahre 1798 erschienene Atlas von LudwigAugust Graf Mellin. Auf der Landkarte von Saaremaa ist ein ganzes Netz von Kanälen zu sehen. In die Bucht Sikassaare mündeten 2 Kanäle, einer von denen begann in der Nähe von Masa, der zweite in Sumpf Haeska. In der Mitte von Saaremaa gab es mehrere Kanäle, die durch den Fluss Luulupe in die Bucht Triigi und durch den Fluss Uuelôve in die Bucht Siiksaare mündeten. Ein dichtes Netz war um die Seen Koigi und Järveküla gegründet worden. Der gegründete Kanal Suurissoo mündete als vertiefter Fluss Pussa ins Meer. Es wurden insgesamt mehr als 80 km Kanäle gebaut. Leider wurden die Gräben später nicht regelmässig gesäubert und sie wurden schon in einigen Jahren verschüttet.
Im Jahr 1797 hat die Landesregulierungs- und Revisionskommission ihre Tätigkeit aufgegeben. Der Grundfonds des Meliorationsmagazins war zu dieser Zeit trotz umfangreicher Meliorationsarbeiten sogar auf 759, 83 Rubel und 4020 Scheffel Getreide gewachsen. Balthasar von Campenhausen hat der Kronskammer des Gouvernements Livland den Vorschlag gemacht, das Meliorationsmagazin weiterhin einer selbständigen Leitung zu unterstellen, dabei erwähnt er extra das Bedürfnis, auch zukünftig Gräben zu ziehen, Mähwiesen zu gründen und Forsteinrichtungsarbeiten in Sôrve fortzusetzen. Man hat dem Vorschlag von Campenhausen nicht gefolgt und nach seinem Tod hat man das Meliorationsmagazin mit der im Jahr 1793 gegründeten Bauernbank Saaremaa vereinigt, die wieder unter die Kontrolle der Ritterschaft von Saaremaa gebracht wurde. Meliorationsarbeiten hörten auf und die dafür nötigen Werkzeuge wurden verkauft. Obwohl Luce über Fortsetzung der Trockenlegung berichtet, wurden die Meliorationsarbeiten unter Beteiligung der Bauernbank Saaremaa fast völlig stilliglegt.
Auf dem Gebiet der Melioration ist in dieser Periode im ganzen Estland nichts derartiges zu finden, was mit den gemachten Entwässerungsarbeiten in Saaremaa vergleichbar wäre. Gerade hier entfaltete sich seine Tätigkeit in der Entwicklung der Melioration. Seine Tatkraft und seinOrganisationstalent haben durch die Melioration eine Voraussetzung für die Verbesserung der Hof- und Gutswirtschaft geschaffen.
Erneuerungen in der Bautätigkeit der Stadt Kuressaare, Schauspielertruppe, Gesangverein, Fünfklassenschule, Leserverein, Leihbibliothek, Zeitung, Gesellschaftsleben, Melioration, Forsteinrichtung - das ist Kultur und in Saaremaa wird Campenhausen einen Vater von ihr genannt. Hat in Saaremaa noch eine Person gelebt, die für dieses kleine Stückchen Land so viel gemacht hat?
In der Mitte des 19.Jahrhunderts wurde Melioration wieder aktiviert, weil die meisten Menschen sich von der Landwirtschaft ernährten. In den Jahren 1897 - 1907 wurden vom Landkulturbüro Livlands und Estlands 21 Projekte in den Gutshöfen von Saaremaa angefertigt. Das umfasste 972 ha offene Entwässerung und 420 ha Dränage.
Im Jahr 1927 wurde der erste Wasserverein in der Estnischen Republik gegründet. Bei Meliorationsarbeiten spielten Wasservereine eine wichtige Rolle, weil sie vom Staat unterstützt wurden. Bis zum Jahr 1943 wurden in Saaremaa 17 grössere und viele kleinere Hauptentwässerungsgräben gegründet. Mehrere Flüsse wurden vertieft und gerichtet.
Nach dem Krieg begann Kollektivierungsperiode in Saaremaa. Man hat auch auf Melioration viel Wert gelegt. Meistens hat man mit Grabenpflügen gearbeitet. Es war damals grosse Mode, Kulturweiden zu gründen - im Jahr 1956 wurde 1272 ha und im Jahr 1960 5417 ha angelegt.
Die erfolgreichste Periode der Melioration in Estland und darunter auch in Saaremaa begann Anfang der sechziger Jahre und dauerte zwei Jahrzehnte. In der Stagnationszeit (1960-1985) wurden ungefähr 1500 ha Entwässerungssysteme (hauptsächlich Dränage) pro Jahr gebaut und auf 2000 ha, wo die Entwässerung nicht nötig war, wurden kulturtechnische Arbeiten durchgeführt. In dieser Periode beschäftigten sich mit der Planung und Forschung der Melioration in Estland eine Menge von Forschungs - und Lehranstalten. Hier werden nur einige genannt: Institut für Wissenschaftliche Forschung der Agrikultur und Melioration Estlands, Landwirtschaftliche Akademie Estlands, Staatliches Institut für Projektierung und Forschung, "Meliorationsprojekt Estlands", Geologisches Institut der Akademie der Wissenschaften.
In den Jahren 1973 - 1974 wurde der Perspektivplan der Melioration des Bezirks Kingissepa (jetzt Landkreis Saare) ausgearbeitet. In den Jahren 1981 - 85 wurden ergänzende Forschungen durchgeführt und dementsprechend wurde das Schema der Melioration des Landkreises ausgearbeitet.
In allen perspektivischen Meliorationsregionen wurden hydrogeologische rekognoszierende Forcshungen durchgeführt, wobei die Grenzen der perspektivischen Meliorationsobjekte festgelegt und das Bedürfnis, die Möglichkeit und die Zweckmässigkeit der Rekonstruktion bestimmt wurden. Das schon vorhandene Meliorationssystem wurde eingeschätzt. Meliorationsarbeiten in Saaremaa wurden so ausgeführt, dass die Anforderungen des Umweltschutzes, die Bedürfnisse der Wasserwirtschaft und die Eigenart von Saaremaa und Muhumaa berücksichtigt wurden und andererseits - wie die Anforderungen und Kenntnisse dieser Zeit es ermöglichten.
In den Spitzenzeiten (60-85) hat man 25 - 30% Neuland gewonnen. Hauptbeschäftigungen waren: und der die Vorströmungen wurden vertieft und gerichtet Objekte mit offenen Gräben mit Dränage versehen. Mit den Projekten wurden die Fragen der Zugänge, Röhren, Brücken, Stege, Waldschutzstreifen usw. gelöst.
Auch Kalkdüngung des säurehaltigen Erdbodens gehörte zum Komplex der Meliorationsarbeiten. Im Landkreis Saare gehört ungefähr 10% der kultivierbaren Erde dazu. Erstmalig hat man die Erde in Saaremaa mit der aus baltischem Wärmekraftwerk geholten Brennschieferasche 1980 gedüngt. Das hat man in Saaremaa im Laufe von 5 Jahren gemacht (auf Kosten des Staates), aber es erwies sich wegen der Transportunkosten als zu kostspielig. Zur Kompetenz der Melioration gehörten auch Forschung des Torfmoores, dessen Projektierung, Ausbau und Produktion. In Saaremaa hat man 60 000 Tonnen Frästorf jährlich produziert (es wurde meistens als Einstreu genutzt).
Die ersten Objekte mit Beregnungsanlagen wurden in Jahr 1971 fertiggebaut: das Objekt Karala in Lümanda und Objekt Leetsalu in Sandla. Beide Objekte betrugen 25 ha und es waren am Meer gelegene Kulturweiden. Für Beregnung hat man Meerwasser durch umstellbare Pumpenstation und Röhrenleitung geleitet. Dieses Experiment stützte sich auf die Forschungen, die bewiesen hatten, dass das Wasser in kleinen und niedrigen Buchten einen geringeren Salzgehalt hat. Die Stahlröhren waren schon in einigen Jahren verrostet und es war nicht zweckmässig, neue zu beschaffen. Insgesamt wurden in Saaremaa 8 Objete mit Beregnungsanlagen gebaut für Beregnung von 479 ha, meistens mit einer stationären Druckleitung auf Süsswasserbasis.
In den Spitzenzeiten der Melioration hat man bestimmt auch viele Fehler gemacht. Die Menschen von Saaremaa sind aber von Natur aus langsam, vielleicht deswegen blieben wir hier von einigen verschont. Hier werden einige Fehlentscheidungen gennant: Felder bis zur Landstrasse (Hecken abzuhauen), zu umfangreiche Dränagesysteme und Felder (grosse Ställe in Esltand), Kalkstein wurde gesprengt und Dränage da hineingelegt usw.
Die in den Spitzenzeiten der Melioration gegründeten Systeme haben einen grossen Wert. Man kann sagen, dass die Melioration in Saaremaa aufgebaut worden ist. Wenn wir heute 40 bis 50 tausend Kronen zur Gründung der Dränage auf 1 ha brauchen, da beträgt der Wert der mit Dränage versehenen Objekte in Saaremaa und Muhumaa eine Milliarde Kronen (!)
Das verlangt eine andere Einstellung zu diesem Reichtum, was wir besitzen (siehe Tabelle I). Zur Zeit ist die wichtigste Aufgabe die Aufbewahrung der vorhandenen Entwässerungssysteme, Instandhaltung der Vorströmungen, Sicherung der Produktionsfähigkeit des Erdbodens. Diese Arbeiten werden Meliorationsverwahrung genannt.
Am 2. Mai 1994 hat der Präsident der Republik das Meliorationsgesetz der Estnischen Republik verkündet. Die Aufgabe des Meliorationsgesetzes ist die Regelung der mit Melioration verbundenen rechtlichen Angelegenheiten. Vom Meliorationsgesetz ausgehend hat der Staat die Liste der Vorströmungen bestimmt, die instandgehalten werden sollen. In Saaremaa und Muhumaa werden 22 Wasserleitungen mit Gesamtlänge von 308 km vom Staat instandgehalten. Bei Rückgabe oder Ersetzung der Grundstücke werden auch die daraufliegenden Meliorationssysteme kostenlos dem Besitzer übergeben. Mit der Übernahme dieser Systeme übernimmt der Besitzer des Grundstückes auch die Pflicht, sie zu pflegen und der Meliorationsgenossenschaft beizutreten, falls sie gebildet worden ist.
Zur Sicherung der Meliorationsverwahrung wird ein Kreditprojekt der Weltbank gestartet. Im Landkreis Saare soll dieses Geld zur Instandhaltung der Entwässerungssysteme des Meliorationsobjektes Eikla genutzt werden. Die Fläche des Objektes Eikla beträgt 1205 ha, wo man heute 58 Bodennutzungen zählt.
Zur Zeit werden in Saaremaa keine umfangreiche Meliorationsarbeiten durchgeführt. Seit dem Jahr 1990 unterstützt der Staat im Landkreis Saare Bauernhöfe und Instandhaltung der Wasserleitungen mit einer Million Kronen pro Jahr. In den letzten 5 Jahren wurden auf 84 Meliorationsobjekten Arbeiten durchgeführt (das sind sehr kleine Objekte), zu 13 Bauernhöfen wurden Zugänge gebaut, es wurden 136 Bohrbrunnen gebaut, 26 Projekte zur Besserung der elektrischen Versorgung der Bauernhöfe realisiert (Leitungen, Umspannstationen) und 7 Projekte zur Versorgung mit einem Telefonnetz verwirklicht. Auf 41 ha wurden Waldmeliorationsarbeiten gemacht. In den letzten 5 Jahren wurden zur Entwässerung der landwirtschaftlichen Länder nur Gräben ausgehoben. Für das Jahr 1996 hat der Staat für das Landkreis Saare 805 000 Kronen zur Verwirklichung dieser Arbeiten geplant.
In Landkreis Saare wurden 3 Meliorationsgenossenschaften gebildet. 9 Melioratoren aus Saaremaa gehören dem Verband der Estnischen Melioratoren an, der im August 1985 in Tartu gegründet wurde.
Melioration ist und bleibt; So lange das Land genutzt wird, wird es auch verbessert, gemessen und geregelt - was auch in der Lebenszeit von Campenhausen gemacht wurde.
Literatur
Juske, A. Maa januneb. Tallinn, 1985.
Karma, O. Jooni maaparanduse arengust Eestis. Tallinn, 1959.
Saaremaa. Kogumik materjale. 1959
Tabelle 1
Charakteristik der Melioration vom Landkreis Saaremaa mit dem Stand vom 01. 01. 96
Kultivierbares Land 52 500 ha
trockengelegtes Land 26 600 ha
davon: landwitschaftlich genutztes Land 24 300 ha
davon: Dränageentwässerung 19 600 ha
davon: Tonröhre 19 500 ha
Kunststoffröhre 100 ha
danov: zweiseitiges Regulieren der
Wasserregime 800 ha
davon: Polderentwässerung 800 ha
Vorströmungen (geregelte Flüsse und Hauptent-
wässerungsgräben) 520 km
Grundnetz (Sammler- und Randgräben) 1 400 km
Entwässerungsnetz (Entwässerungsgräben) 1 200 km
Brücken 36 St.
Regulatoren 16 St.
Röhren 1808 St.
Länge der Dränage 11 030 km
davon: Tonröhre 10 930 km
Kunststoffröhre 100 km
Brunnen 849 St.
Zugänge zu den Entwässerungssystemen 365 km