Forsteinrichtung und Forstpolitik
—Überlegungen aus dem Bereich internationaler Zusammenarbeit—
Hans Jürgen Baron von Maydell
Einleitung
Forstpolitik ist die öffentliche Erklärung von Zielen der Bewirtschaftung von Wäldern. Sie ist das Konzept, nach dem eine Gesellschaft ihren Wald erhält und bewirtschaftet. Sie regelt das Verhältnis des wirtschaftenden Menschen gegenüber der Natur des Lebensraumes Wald. Schon Max Endres (1922) in seinem klassischen Werk über Forstpolitik schreibt:
"Die praktische Forstpolitik muß von nationalen Gesichtspunkten getragen sein. Ihr Dienst gehört dem Volk. … Der Wald ist aber auch ein internationales Gut alle Völker. Ohne seine Produkte kann kein Volk und Volksstamm existieren. Da die Forstpolitik letzten Endes das Schicksal der Forstwirtschaft eines Landes bestimmt, ist die Weltwirtschaft an der Ausgestaltung der forstpolitischen Grundsätze aller Länder umso mehr interessiert, als der Bedarf an Holz mit der Zunahme der Bevölkerung immer größe wird. … Jedes Kulturvolk hat deshalb Interesse an der Forstpolitik der anderen und die nationale Forstpolitik kann daher durch internationale, das heißt die forstpolitischen Mittel anderer Nationen zeitlich stark beeinflußt werden."
Forsteinrichtung, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts im mitteldeutschen Raum ihre entscheidende Entwicklung erfuhr, ergibt sich aus der Erfordernis, daß jede wirtschaftende Tätigkeit plänmäßig erfolgen sollte, wenn sie erfolgreich verlaufen soll. Wilhelm Mantel (1959) faßt dies wie folgt zusammen:
"Je größer und umfangreicher und weitgespannter die Tätigkeit ist, desto mehr tritt die Notwendigkeit hervor, vor Beginn dieser Tätigkeit einen plan aufzustellen, nach dem gewirtschaftet werden soll. So auch in der Forstwirtschaft. … Die Forsteinrichtung ist so ein Teil der forstlichen Planung überhaupt. Diese kann umfassen:
A. Die Planung für den einzelnen Betrib = Forseinrichtung.
B. Die forstliche Landesplanung
a) hinsichtlich der Verteilung von Wald, Besitzarten und Größen,
b) hinsichtlich der Förderung der Holzerzeugung"
Hier wird einerseits die enge Verbindung zur Forstpolitik deutlich, anderseits noch sehr einseitig auf die Holzerzeugung als dominierende Funktion der Forstwirtschaft abgehoben. Unter dem Gesichtspunkt eines Forstbetriebes (Forstamt, Revier, Betriebsklasse, Waldbesitzeinheit usw.) stehen Aspekte der Planung von Zeit und Raum sowie der Betriebstechnik und Betriebsorganisation im Vordergrund. Diese haben sich an den (natürlichen und sozio-ökonomischen) Standortbedingungen und vor allem an den Zielsetzungen der über die Waldbewirtschaftung (anhand forstpolitischer Grundüberlegungen) entscheidenden Personen bzw. Personengruppen zu orientieren.
Forsteinrichtung beschafft die notwendingen Informationen über die Wälder. Dies ist der diagnostische Teil ihrer Aufgabe. Sie formuliert die (betrieblichen) Zielsetzungen, stellt Richtlinien für die Organisation und die Bewirtschaftungspraxis auf, und sie enthält Hinweise auf eine notwendige Kontrolle und Bewertung der Wirtschaftsergebnisse. Forsteinrichtung im weitesten Sinne kann somit als eine Voraussetzung für die Gestaltung einer sinnvollen Forstpolitik gelten.
Entscheidend ist beim Zusammenwirken von Forsteinrichtung und Forstpolitik, daß zu jeder Zeit erkennbar ist
Dies hat auch Balthasar Freiherr von Campenhausen vor 200 Jahren bereits berücksichtigt. Er schlug mit seinen Anweisungen eine geistige Brücke zu der damals bahnbrechenden deutschen Forstwissenschaft und Forstwirtschaft, und er gab richtungweisende Impulse für die spätere Entwicklung der estnischen Forstwirtschaft.
Heute, so kann es im übertragenen Sinne verstanden werden, befindet sich die estnische Wirtschaft "auf einer Insel", die noch durch eine sehr starke Ausrichtung auf den innerstaatlichen Entwicklungsprozeß gekennzeichnet ist. Darüber darf aber - im Sinne des obigen Zitats von Endres — nicht vergessen werden, daß Estland ein integraler Bestandteil Europas und der Weltgemeinschaft ist, und daß sich, nicht zuletzt aus der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED 1992) und der nachfolgenden internationalen Zusammenarbeit Anforderungen ergeben, die eine über die eigenen Grenzen gehende Orientierung erfordern.
Wechselwirkungen zwischen Forsteinrichtung und Forstpolitik
In Estland wie in Deutschland lassen sich Vorläufer einer Forsteinrichting auf das 13. Jahrhundert zurückführen. Einzelregelungen hinsichtlich verschiedener Nutzungen des Waldes hat es aber selbstverständlich schon sehr lange vorher und praktisch in allen Ländern der Erde gegeben. Viele von ihnen beruhten - oder beruhen letztlich auch heute noch - auf seit Urzeiten überkommenem Traditionsrecht bezüglich der Nutzung natürlicher Ressourcen.
Peterson (1994) erwähnt die Order des dänischen Königs Erik Menved aus dem Jahre 1297, in der bestimmt wird, auf den Inseln Naissaar, Aegna und Paljassaare keine Bäume zu fällen und keine Holzkohle zu erzeugen außer für den Bedarf ser Festung Revel und seiner Bewohner in einem Umfang, wie er seit undenklichen Zeiten üblich war. 1771 wurde von damaligen Generalgouverneur von Liv- ond Estland, Graf Georg Browne, eine neue "Forst- und Jagdverordnung" zur Regelung der Waldnutzung zwischen dem Staat und den Waldbesitzern, insbesondere der Ritterschaften, vorgelegt. Diese "Forst- und Jagdordnung" soll von einem Forstmeister C. J. Ebhard verfaßt worden sein, der erst wenige Jahre vorher nach Livland eingewandert war, offensichtlich also aus Deutschland stammte. 1782 erschien dann von Balthasar von Campenhausen die Schrift, die 1783 als Forstinstruktion in Livland veröhhentlicht und als Gesetz anerkannt wurde (vgl. Meikar 1990, Precht 1998, und Neuschäffer 1991). Campenhausen dachte und handelte, ebenso wie eine Reihe weiterer zeitgenössischer baltischer Forstleute wie Andreas von Löwis und Ludwig August Graf Mellin in engem geistigen Austausch mit der Deutschland und Dänemark stattfindenden forstlichen Entwicklung.
In Deutschland stammen erste fachlich relevante Waldbeschreibungen und Ertragsbestimmungen aus dem 13. Jahrhundert, regelmäßige Forsteinrichtungen sind seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchgeführt worden. Namen wie Johann von Langen, Hans Dietrich von Zanthier, Georg Ludwig Hartig, Heinrich Cotta, Wilhelm Pfeil u.a.m. sind mit der wissenschaftlichen Entwiklung, der Lehre und Umsetzung in die Praxis verbunden. Seither hat die Forsteinrichtung - standortabhänging im weitesten Sinne - und unmittelbar gesellschafts-, wirtschafts- und politikbedingt sowohl in Estland und Deutschland als auch in nahezu allen anderen Ländern der Erde umfassende Entwicklung und Neuorientierung erfahren.
Dabei standen folgende Überlegungen im Vordergrund: Es ist erforderlich, erst zu erkunden, was "es gibt", um davon ausgehend in verschiedend Stufen Exploitation, Erhaltung und schließlich nachhaltige Bewirtschaftung zu planen. Es ist aber anderseits wichtig zu wissen, was man braucht bvz. erreichen will, um gezielt das Richtige zu erkunden.
Planung und Bewirtschaftung werden umso notvendiger, je knapper die Ressourcen werden. Forsteinrichtung und Forstwirtschaft entstanden so aus der akuten Sorge um mittel- und langfristige Holzversorgung. Dies galt u.a. für den Bergbau und die Industrialisierung in Mitteldeutschland, aber schon früher für die Sicherung von Schiffsbauholz, z.B. in Frankreich (DU HAMEL DE MONCEAU – Code Forestier) und Rußland Peters I. Mit knappen Ressourcen muß "wirtschaftlich = ökonomisch" umgegangen werden. Dies gilt inzwischen weltweit und hinsichtlich der Forstwirtschaft nicht nur im Hinblick auf Waldflächen und Holzerzeugung sondern auch auf alle weiteren Funktionen, einschließlich der Sicherung von Biodiversität und der immer dringernen benötigten "Wohlfahrtswirkungen" des Waldes.
Während die Forsteinrictung sich mehr oder weniger stetig und konsequent entwickeln und gliedern konnte (u.a. von der Bestandesaufnahme/Inventur in Richtung betrieblicher Prospektion bzw. in Richtung auf eine Raumordnungsstrategie), unterlag und unterliegt die Forstpolitik in viel stärkerem Maße und in allen wirtschaftlichen und politischen Systemen dem Kräftespiel der allgemeinen Politik. Während die Verfahren der Forsteinrichtung, von technischen Unterschieden abgesehen, intenational durchaus vergleicher und übertragbar sind, stellt z.B. Westorby (1988), ein langjähriger maßgebender Forstpolitik der FAO fest:
"In the world’s governments were circularized concernig the forest policies they are pursuing, the replies would be an ingredible hotchpotch of ministerial statements, preambles to statutes relating to forestry, formal objectives of forestry departments, and extracts from reports. In fact, there is scarcely a country wich has a formal, thought-out and declared forest policy, any more than it has a thought-out conservation strategy."
Diese Darstellung ist in der Tat mehr als ernüchterd, ja erschreckend, wenn sie zutreffen sollte, und es muß - angesiechts der vielen Konferenzen, Konventionen, Erklärungen, usw. konstruktiv-kritisch gefragt werden, wie die Situation im konkreten Fall ist. Zweifellos genügt ein Forstgesetzt allein nicht, und es bleibt zudem die Frage, wie langfristig-beständig bzw. wie flexibel auf Veränderung reagierend ein solches Gesetz sein sollte und in welchen Wechselbeziehungen es mit anderen gesetzlichen Regelungen steht.
In diesem Zusammenang ist wieder auf die Forsteinrichtung hinzuweisen. In besorgniserregendem Umfange, und in sehr vielen Ländern (und Betrieben) muß festgestellt werden, daß die (statistischen) Unterlagen aus einer Reiche von Ursachen in entscheidendem Maße falsch sind. Holzvorräte werden viel zu niedrig angegeben (in Rußland laut mündlicher Auskunft Stellen z.T. um 30% und mehr, in anderen Ländern z.B. aus steuerlichen Gründen, in tropischen Regenwäldern erstrebter höherer Gewinne, usw.), umweltrelevante Angaben werden unterdrückt um Beschränkungen der Bewirtschaftung zu umgehen, und dergleichen mehr. Wenn aber nun die Basisdaten falsch sind, dann müssen auch die ihren aufbauenden forstpolitischen Entscheidungen falsch sein. In Rußland wird z.B. immer noch "unermeßlichen, unerschöpflichen" Waldressourcen ausgegangen. Die Realität sieht hier, wie in Tropenländern, jedoch ganz anders aus.
Ein weiters, nicht ganz so schwerwiegends Problem ergibt sich aus der mangelnden Vergleichbarkeit von Forsteinrichtungsdaten über längere Zeiträume und ausgedehnte Regionen. Die verschiednen Waldinventuren der FAO und der ECE/FAO (1992/93 und 1995) machen dies deutlich. Wie kann die Forsteinrichtung der Forstpolitik dienen, wie kann eine Forstpolitik die Zielsetzungen für eine Forsteinrichtung bestimmen? Diese Fragen sind heute wie vor 200 Jahren zu prüfen.
Probleme, dies es zu lösen gilt
Die weltweite Verknappung an forstlichen Ressourcen ist durch die starke Zunahme der Bevölkerung (besonders in den tropischen Zonen), durch die noch stärker erhöhten technischen Möglichkeiten des Einzelnen und der Gesellschaft zu Eingriffen in die Natur (besonders in den Industrieländern), und durch den allgemein steigenden individuellen Bedarf und Konsum an Produkten und Dienstleistungen bedingt. Verknappung erfordet jedoch, wie erwähnt, ökonomischeren Umgang mit den Ressourcen, also intensivere Forsteinrichtung und sorgfältiger realisierte Forstpolitik. Dies erfordet in beiden Teilbereichen einen vermehrten Arbeitsaufwand.
Hinzu kommt, daß aus einer Reiche von Gründen die Forstwirtschaft sich für immer mehr Bereiche der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens zuständig eklärt und damit auch zusätzliche Aufgaben zugeteilt bekommt. Beispiele darüf sind der Natur-, Arten- und Landschaftsschutz und die Sozial- und Erholungsfunktionen. Gleichzetig aber ist überall ein (relativer) Rückgang der finanziellen und personellen Mittel der Forstwirtschaft zu verzeichnen, so daß also immer mehr und immer komplexere Aufgaben mit immer Weniger Geld und Arbeitskräften zu bewältigen sind. Der Ausweg wird durch Einsatz technischen Fortschritts vesucht, so z.B. durch Computer, von GIS und ähnlichen Verfahren in der Forsteinrichtung. Trotzdem bleibt das Problem rückläufiger Verfügbarkeit von finanziellen Ressourcen für die Forstwirtschaft eine ständige Herausforderung.
Letzlich wird die Frage gestellt, in welchem Umfang Investitionen zur Erhaltung und Bewirtschaftung von Wäldern noch möglich sind und ob sich Forstwirtschaft - zumal in betrieblichen Einzelfall - noch lohnt. Hierbei geht es also um Existenzfragen, die sowohl von der Forsteinrichtung als auch von der Forstpolitik konkret zu beantaworten sind.
Nahe verwandt sind Fragen der Wettbewerbsfähigkeit der Forstwirtschaft mit anderen Breichen der Wirtschaft, mit deren Produkten und Dienstleitungen. Hinsichtlich der Landnutzung steht die Forstwirtschaft fast überall im Abwehrkampf gegen Ansprüche der Landwirtschaft, der Infrastruktur, Siedlung und des Tourismus, und vermehrt neuerdings auch des Natur- und Landschaftsschutzes. Anderseit wird von breiten Teilen der Bevölkerung auf die große Beteutung des Waldes hingewiesen, und die Zunahme nationaler und internationaler Kongresse mit ihren Konventionen und Resolutionen ist dafür ein wichtiger Indikator. Nur durch ein Zusammenwirken von Forsteinrichtung und Forstpolitik sind die Probleme, die sich aus der rückläufigen Ressourcenverfügbarkeit (natürliche, personelle und finanzielle Ressourcen) und aus der Langfristigkeit forstlichen Prozesse in einer immer kurzfristiger agierenden und reagierenden Umwelt ergeben, zu meistern.
In mehreren Ländern Europas ergibt sich ein (scheinbar entgegengerichtetes) Probelem als Folge bisheriger Intensivierunge der Forstwirtschaft: Es handelt dabei um eine übermäßige Zunahme der Holzvorräte, bedingt durch mangelnden Absatz für Rohholz und durch Eutrophierung, umgekehrt aber um eine zunehmende Empfindlichkeit forstlicher Ökosysteme gegen natürliche und anthrupogene Störungen. Letztere haben in Teilregionen dramatisch zugenommen und das Phänomen des "Waldsterbens" als eine "Zivilisationskrankheit" verstärkt.
In diesem Spannungbereich von rückläufigen bzw. nicht mehr herkömmlich kontrollierbaren Ressourcen und steigenden Ansprüchen der Gesellschaft wird die frage gestellt, ob die Forstwirtschaft nicht zu wichtig sei, um sie (allein) den Forstleuten zu überlassen. Hierhin gehören u.a. auch Probleme der Zuordnung der Forstwirtschaft zu verschieden konkurrierenden Ministerien. Wie immer die Entscheidungen getroffen werden, es muß eine ausreichende und zuverlässige Kompetenz gesichert und die forstlichen Belange müssen wirksam vetreten und durchgesetzt werden können.
Einerseits ist es zu begrüßen, wenn sich immer weiter Kreise für die Forstwirtschaft angagieren. Dies trifft auch für die zahlreichen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) zu. Anderseits muß darauf bestanden werden, daß die Entscheidungen in Planung, Politik und Praxis ausreichend qualifizierten Fachkräften, d.h. von dafür spezialisierten Personen obliegen, wie das für alle anderen Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft als selbstverständlich akzeptiert ist.
Das Problem, welches aber lösbar erscheint, liegt einer entsprechenden, zukunftsorientierten beruflichen Qualifikation der Forstleute. Hier gilt es zukunftsorientiert zu denken. Wie notwendig dies ist, ziegt die seit einigen Jahren geführet Diskussion um die Nachhaltigkeit, diesen "heiligen" Grundbegriff der Forstwirtschaft: Seit mindesten 200 Jahren wurde dieser als selbstverständlich unterstellt. Unter den Anforderungen der Gegenwart und der Zukunft erweist es sich aber als immer schwieriger, Politikern, der Bevölkerung - und den praktizierenden Forstleuten - glaubhaft zu erklären, was unter Nachhaltigkeit verstanden werden muß und wie diese dann erreicht werden soll.
Zielsetzungen
Ziele werden von den Beteiligten gesetzt. Dabei ist zwischen individuellen (einzelner Personen), betrieblichen, sektoralen, nationalen und internationalen Zielen zu unterscheiden. Forsteinrichtung und Forstpolitik spielen in ihnen allen ihre spezifische Rolle, die Forsteinrichtung gleichermaßen als "Fundament", die Forstpolitik gleichmaßen als "Dach". Beide müssen die Gewähr dafür bieten, daß jeweils benötigten oder erwarteten Funktionen der Forstwirtschaft erfüllt können. Diese Funktionen haben sich in der Vergangenheit quantitativ und qualitativ dynamisch entwickelt, und Prozeß ist keineswegs abgeschlossen und zudem ständörtlich und regional differenziert. So lassen sich die Funktionen in den nördlichen Breiten mit denen im tropischen Regenwald oder den von Desertifikation bedrohten Trockengebieten nur sehr bedingt vergleichen. Bemerkenswert ist, daß beim letzten FAO - "Forest Resourses Assessment", der weltweiten Waldbestandesaufnahme (FAO 1995) erstmal die Bedeutung wichtiger Funktionen (Rohholzerzeugung Jagd, Erholung und Schutzfunktionen), getrennt für Industrie- und Entwicklungsländer, in einer internationalen Statistik nachgewiesen wird.
Bei der Forsteinrichtung standen ursprünglich Ziele wie Besitzregelung und Besteuerung ("Taxaton") im Vordergund, gefolgt vom betriebswirtschaftlichem Effizienznachweis. Inzwischen sind Bereiche wie Förderungsmöglichkeiten (z.B. durch staatliche Unterstützungen), Monitoring der Biodiversität und Nachweis der human-ökologischen Tragfähigkeit, um nur einige zu nenne, hinzugekommen.
Die Forstpolitik hat sich mit einer Reiche von Tendenzen auseinanderzusetzen. Dazu gehört die im Vergleich zu frühen Jahrhunderten ungleich größere räumliche Kohärenz bis hin zur "Globalität", dazu gehören gesellschaftliche Verschiebungen vom (bisher im Vordergung der Überlegungen stehenden) ländlichen Raum zum städtisch-indurtriellen Entscheidungszentrum. In den meisten Industrieländern leben bereits drei Viertel oder mehr der Bevölkerung in städtischen Siedlungen, die Urbanisierung in den tropischen Regionen schreitet ungleich schneller fort als die Entwicklung ländlicher Gebiete. In den Städten aber werden die politischen Entscheidungen getroffen. Hinzu kommen Migrationsbewegungen verschiedenster art. Von der "Gastarbeit" bis hin zum Flüchtlingsdrama. Die Politik, und damit auch die Forstpolitik, muß sich in vielen Ländern auf die Erfordernisse im Zusammenhang mit einem hohen (permanenten oder vorübergehenden) Ausländeranteil ainstellen.
Forstpolitik und Forsteinrichtung werden somit immer vielseitige. Sie sind vor allem nicht aus dem System anderer Entwicklungen herauszutrennen. Die historich-ursprüngliche Grundhaltung (in vielen Fällen noch keineswegs überwunden) in der Forstpolitik ging dahin, den Wald gegen unbefugte Eingriffe Dritter zu schützen. Die heutige und zukünftige Herausforderung lautet, den Wald für die Bevölkerung und mit der Bevölkerung zu bewirtschaften. Dies bedeutet eine z.B. radikale Umorientierung von einer Politik der Verbote, Gebote und Strafen zu einer Beratungs- und Förderungspolitik wie sie sich auch schon in den modernen Forstgesetzen wiederfindet. Die Forsteinrichtung muß aber dafür die notwendigen Ansatzpunkte strukturieren.
In Ländern, die bisher praktisch keinen Privatwald hatten und die nun beginnen, wesentliche Teil (oft die produktivisten und strategisch am besten gelegenen) des Waldes zu privatisieren muß zuerst die Frage gestellt werden, wer denn den Wald im Sinne des von der Politik zu vertretenden Gemeinwohls am qualifiziertesten bewirtschaften kann. Bringen z.B. Kleinbauern oder Gemeinden oder holzindustrielle Konzessionäre bessere Voraussetzungen mit als die Staatsforstbediensten? Wenn nicht, wie wäre eine solche Qualifikation zu gewährleisten? Von wem ist eine "ordnungsgemäße" Forsteinrichtung, d.h. ein umfassendes Betriebswerk, das weit über Inventurdaten, zu fordern, und wie muß eine solche Forsteinrichtung strukturiert sein, wer soll sie durchführen? Diese und ähnliche Fragen stellen sich nicht nur in den sogenannten Transformationsländern und in den tropischen Entwicklungsländern sondern auch in vielen anderen Staaten.
Im Bundeswaldgesetz 1975 Der Bundesrepublik heißt es in § 1:
"Gesetzeszweck.
Zweck dieses Gesetsez ist insbesondere,
Der Begriff der "ordnungsgemäßen Bewirtschaftung" bedarf dabei einer besonderen, einer dynamischen Interpretation, insbesondere auch im Hinblick auf die Zielvorgabe eines Ausgleichs zwischen den Interessen, allgemein als "Sozialpflichtigkeit" des Eigentums und des wirtschaftlichen Handelns bezeichnet.
Als Oberziel der Forsteinrichtunge und der Forstpolitik unter Berücksichtigung ihres Zusammenwirkens, ist somit die Entwicklung und Umsetzung einer sowohl situationskonformen als auch zukunftsorientierten Strategie anzusehen. Die zahlreichen Teilziele bedürfen darunter der Koordinierung und Harmonisierung (im Idealfall Optimierung) in Form von "Zielbäumen" bzw. "Zielnetzwerken".
Entwicklung von Methoden
Noch zu Zeiten von Campenhaesens war die Praktizierug von Forsteinrichtung und Forstpolitik relativ einfach. Bei der Forsteinrichtung ging es um die Abgrenzung von Besitztiteln, die Besteuerung und um die Erreichung ganz Betriebsziele in der Regel möglichst hoher und wertvoller Holzerträge. Vielfach reichten deshalb eine einfache Kartierung, Flächen- bzw. Massenfachwerke sowie Instruktionen zur Durchführung waldbaulicher Maßnahmen aus. Bemerkenswert ist, und dies gibt u.a. Anlaß für eine Gedenkveranstaltung, daß Campenhausen bereits einen weiten, zukunftsorientierten Blick erkennen läß, der heute als wichtiger denn je erscheint.
Die Forstpolitik der damaliegen Zeit wurde von den Landsherren in einem nicht demokratisch zu nennenden Prozeß bestimmt. Diese Voraussetzung hat sich bis vor kurzem in den Transformationsländern und in den kolonial verwalteten bzw. erst in den letzten Jahrzehnten politisch unabhänging gewordenen tropischen Ländern erhalten. Das sich zunehmend entwickelnde und durchsetzende demokratische Verständnis der Bevöklerung erfordet nun grundlegend anderes Vorgehen. Nicht mehr der "König" in der Regierung oder der "König" im Walde (= der Forstmeister) bestimmt diktatorisch, was mit "seinem" Walde zu geschehen hat, sondern "das Volk". Dies erfordert einen grundlegenden metodischen Wandel. Herausforderungen ergeben sich zusätzlich durch die Frage, inwieweit die Interessen nationaler oder etnischer Minderheiten, wie z.B. im Tropenwald oder hinsichtlicher der Indianerbevölkerung Nordamerikas, der verschiedenen Völkerschaften in Rußland, usw. zu berücksichtigen sind. Auf internationaler Ebene besteht nach wie vor eine erhebliche Spannung zwischen nationalem Souveränitätsanspruch und internationalen Verpflichtungen.
An diesen Stelle ist nicht auf die Entwicklung der technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten einzugehen. Es bedeutet aber viel für die Forsteinrichtung, wenn Luftbilder und Satellitenaufnahmen, wenn Computer und Kommunikationssysteme einsatzfähig geworden sind. Für die praktische Bewirtschaftung sind seit Campenhausens Zeiten die umfassende Mechanisierung forstwirtschaftlicher Arbeiten, der verstärkte Einfluß der Chemie einschließlich der damit verbundenen Umweltbelastungen, die zu Waldschäden aber auch zur Eutrophierung führen, zu berücksichtigen. So können z.B. die bisherigen forstlichen Ertragstafeln in vielen Ländern kaum noch sinnvoll verwendet werden. Fortschritte in Selektion und Züchtung, in der Mischbestandwirtschaft, und in der völlig veränderten Mobilität von Gütern und Dienstleistungen gilt es zu berücksichtigen. Was bedeutet z.B. Ausländeranbau, wie der nordamerikanischer Baumarten in Mittel- und Nordeuropa?
"Die Wähler", oder doch bestimmte gesellschaftliche Gruppen, fordern immer stäker umweltverträgliche forstliche Bewirtschaftungsmaßnahmen, die auch im Rahmen einer Forsteinrichtung und Firstpolitik ihren Niederschlag finden müssen. Kritik an den kanadischen und finnischen forstlichen Praktiken, inbesondere an Großkahlschlägen, hat bereits zu neuen gesetzlichen Regelungen gehührt, wie sie z.B. im schwedischen Forstgesetz von 1994 (Hugosson und Strömquist 1994) und in einer äußerst umfangreichen und kostenaufwendigen Öffentlichkeitsarbeit aller drei Länder im In- und Ausland deutlich werden. Dies alles kann nur andeuten, daß eine Orientierung am Herkömmlichen nur noch in sehr begrenztem Umfange möglich ist. Was übernommen werden sollte, ist jedoch der innovative, der Pionergeist, der Europa zur Zeit der forstlichen Klassiker vor rund 200 Jahren herrschte, das unbedingte Engagement der damaligen Forstleute und hervorragende Sorgfalt, mit der gearbeitet wurde.
Bewertung von Forsteinrichtung und Forstpolitik
Es genügt nicht mehr, neue Methoden und Richtlinien für Forsteinrichtung und Forstpolitik zu etablieren. Vielmehr müssen sie auf allen Ebenen und allen Konsequenzen transparent gemacht werden, transparent, d.h. erkennbar und nachvollziehbar für die politischen Entscheidungsträger, für die verscheidensten Interessengruppen und letzlich die Bevölkerung im ganzen. Sie müssen aber auch voll inhaltlich von den Forstleuten selbst verstanden und mit vertreten werden können, damit sie wirksam durchgesetzt und in die Praxis übertragen werden können.
Dazu ist es immer dringender erförderlich, einen ganzen Katalog von Kriterien zu haben, mit dessen Hilfe die Zweckmäßigkeit von Forsteinrichtung und Forstpolitik ex-ante, laufend und ex-post evaluiert werden kann. Solche Kriterien sind z.B. Effektivität, d.h. die Frage, ob das Geplante überhaupt realisierbar ist, die Effizienz, die nach der Wirtschaftlickeit bzw. der besten Alternative fragt, die Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit, allgemeine Akzeptanz, Übertragbarkeit und die weitere Entwicklungsfähigkeit.
Kommen wir abschließend wieder auf das bereits eingangs Gesagte zurück:
Entscheidend ist beim Zusammenwirken von Forsteinrichtung und Forstpolitik, daß zu jeder Zeit erkennbar ist,
Eine eingehende Beschäftigung mit dem Leben Balthasar Frhr. von Campenhausena erscheint für die heutige Zeit aus mehrere Gründen von Interesse. Bemerkenswert ist bereits die Vielseitigkeit seiner Ausbildung und Fülle der im internationalen Erfahrungsaustausch gewonnen Kenntnisse (Precht 1988). Interdisziplinarität und Weltoffenheit sind heute wieder besonders gefordete Eigenschaften. Bemerkenswert ist ferner, daß von Campenhausen sowohl sein eigenen Wälder hervorragend zu bewirtschaften wußte als auch eine besonders erfolgreiche Karriere als Amtsträger mit hoher gesellschaftlicher Verantwortung aufweist, d.h. notwendigwese Forsteinrichtung und Forstpolitik zu koordinieren vermochte.
Bemerkenswert ist schließlich, daß Balthasar von Campenhausen als Einzelner, im Alleingang als eine hervorragende Persönlichkeit seiner Periode und seines Wirkungsraumes, gehandelt hat. Heute geht die Entwicklung immer weiter zur Anonymität, zur "Teamarbeit", zur Konferenzempfehlung, zur internationalen Konvention - und zum Kompromiß. Auch darüber lohnt es sich gelegentlich nachzudenken. Wir stehen vor der sich ständig weiter entwickelnden aufgabe, Forsteinrichtung und Forstpolitik in unseren eigenen Ländern, in Europa und in internationaler Zusammenarbeit weltweit zu verbessern, zum Whole der Menschen und zum Whole des Waldes. War bzw. ist die europäische Forstwirtschaft besser als die anderswo? Wenn ja, wodurch; wenn nein, warum nicht, und was müßte verbessert werden? Lassen Sie und nicht darauf warten, daß Forsteinrichtung und Forstpolitik von irgendwelchen "Anderen" bestimmt werden. Wir Forstleute sind und bleiben dafür voll verantwortlich! Die Beschäftigung mit Persönlichkeiten wie Balthasar von Campenhausen kann uns Anregungen geben, wie wir denken und handeln sollten.
Literatur
Bundeswaldgesetz: Gesetz zur Erhaltung des Waldes und zur Förderung der Forstwirtschaft (Bundeswaldgesetz) vom 2. Mai 1975. - Bundesgesetzblatt I vom 7. Mai 1975, Nr. 50.
ECE/FAO: The forest resources of the temperate zones. - The UN-ECE/FAO 1990 Forest Resources Assessment. Vol. I und II. UN, New York, 1992 und 1993.
Enders, M. Forstpolitik. Handbuch für Forstpolitik mit besonderer Berücksichtigung der Gesetzgebung und Statistik. 2. Aufl. Berlin, Verlag v. Julius Springer, 1922.
FAO: Forest Resources Assessment 1990. Global Synthesis. - FAO Forestry Paper 124. Rome, 1995.
Hugosson, M., Strömquist, L. Schwedens Forstwirtschaft auf neuem Kurs. - Allgemeine Forstzeitung, 1994, 49, 6, 272-275.
Kurth, H. Forsteinrichtung. Nachhaltige Regelung des Waldes. Berlin, Deutscher Landwirtschaftsverlag GmbH, 1994.
Mantel, W. Forsteinrichtung. Frankfurt a.M., J.D. Sauerländer´s Verlag, 1959.
Mantel, W. Waldbewertung. Einführung und Anleitung. München-Wien-Zürich, BLV- Verlagsgesellschaft, 1982.
Meikar, T. Balthasar von Campenhausen. - Eesti Mets, 1990, 3, 61-62.
Neuschäffer, H. Kleine Wald- und Forstgeschichte des Baltikums - Lettland und Estland. Bonn, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, 1991.
Peterson, K. Nature Conservation in Estonia. General Data and Protected Areas. Tallinn, 1994.
Precht, J. Die Vorschläge Balthasar Frhr. von Campenhausens zur Reform der Forstwirtschaft in Livland 1778. - Zeitschrift für Ostforschung, 1988. 37, 2, 267-276.
Westoby, J. Introduction to world forestry. People and their trees. Oxford and New York, Basil Blackwell Ltd., 1989.