WALDINSELN

–eine Herausforderung für die Forstwirtschaft–

Hans Jürgen Baron von Maydell

Zweierlei gibt Anlaß, auf dieser Veranstaltung im memoriam Balthasar Frhr. von Campenhausen das Thema "Waldinseln" anzusprechen: erstens befinden wir uns hier auf einer besonders schönen bewaldeten Insel, und zweitens stellt die zunehmende "Verinselung" von Waldökosystemen und Forstbetrieben - weltweit, aber auch gerade in Estland - besondere und immer wieder neue Anforderungen an die Forsteinrichtung und Forstpolitik.

Die größen Naturräume auf unserer Erde waren selbstverständlich nie in sich homogen. Vielmehr setzten sie auch vielen standörtlich sowie durch Sukkzessionen und Wachstum bedingten Einzel-Biotopen zusammen, die sich voneinander mehr oder weniger deutlich unterschieden und gleichsam ein großes "Puzzle" bildeten. Auch wenn noch Tacitus schrieb, daß ein Eichhörnchen Mitteleuropa durchqueren konnte, ohne nur einmal den Erdboden zu berühren, waren die Waldbestände schon damals, wenn auch zusammenhängend, so doch deutlich gegliedert.

Die ursprünglich großräumingen Waldmassive wurden in bestimmten Perioden der Geschichte stäker, in anderen in geringerem Umfange, parzelliert, verändert oder gerodet. In den lezten Jahrzehnten hat sich der Druck auf die Wälder, in den Tropen entwicklungsbedingt, in vielen Industrieländern gesellschaftspolitisch bedingt, erhöht. So werden derzeit weite Flächen gerodet, den von ihnen geforderten Funktionen entsprechend neu strukturiert oder in andere Landnutzungen überführt, so daß schließlich oft nur noch Inseln der ursprünglichen Waldareale übrig bleiben. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Biodiversität und Vielfalt der ökologischen Funktionen, aber auch auf die Möglichkeiten wirtschaftlicher Maßnahmen.

Neben dieser Entwicklung von Waldinseln haben wir es auch mit tendenziell zunehmenden "Verinselungen" in der menschlichen Gesellschaft zu tun. Die Abgrenzung bestimmter Interessengruppen, Ausgrenzung von Minoritäten, die Isolierung der sogenannten "Singles" und - in der Wirtschaft - von Kleinwaldbetrieben stellt neue politische und soziale Aufgaben, die den anderen Bereichen deutlichen Konzentrationsbestrebungen (supranationale Zusammenschlüsse, Großkonzerne) diametral entgegengesetzt laufen und damit Spannungen erzeugen.

Inseln entstehen in den Ozeanen durch Vulkantätigkeit oder Korallenwachstum, durch Hebungen von Landmassen (wie in Teilen des Ostseeraumes) oder Senkungen (wie an der deutschen Nordseeküste). Ein weltweiter Anstieg des Meeresspiegels wie nach der letzten Eiszeit wird als Folge einer allgemeinen Temperaturzunahme ("global warming") befürchten. Inseln entstehen durch Verlandung von Seen, durch Erosion, durch Katastrophen vieler Art und durch Desertifikation in den Wüstenrandgebieten der Erde. Sie entstehen aber auch durch von Menschen vorgenommene Trennung, Abgrenzung, Einzäunung, Isolierung - bis hin zu Käfigen und Gefängnissen. Waldinseln entstehen aber auch durch Neuaufforstung in bislang waldfreien Gebieten.

Bedingt durch ihre so unterschiedliche Entstehung sind verschiedene Typen von Inseln zu unterscheiden, die jeweils eine ganz spezifische Struktur und Entwicklung aufweisen, und sofern es sich um Waldinseln handelt, auch ganz unterschiedliche Maßnahmen zu ihrer Erhaltung und Bewirtschaftung erfordern:

Waldinseln in Gewässern

Dazu gehören größe und kleine Inseln in Ozeanen, Binnenmeeren, Seen, Flüßen und Sumpfgebieten. Das umgebende Wasser begrenzt einerseits das Waldwachstum, und Rand bzw. Uferzonen bilden zum Teil breite und sehr ausgeprägte Übergangs- und "Kampfzonen". Wasser erleichtert anderseit den Transport von Nährstoffen, Pflanzensamen, Tieren, Menschen und Gütern. In der Tropen sind die Mangrovengürtel besonders eindrucksvolle Beispiele. Holz als Boots- und Schiffsbaumaterial hat für die Verbindung von Inseln untereinander und von Inseln mit Kontinenten seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle gespielt.

Waldinseln in Trockengebieten der Erde

Sie sind bekannt als Oasen, Galeriewälder, Baum- und Strauchgruppen auf grundwassernahen Standorten. Wie die Inseln im Ozean sind sie umgeben von einem waldfeindlichen Element (z.B. Sand, Fels, Geröll), das die Kommunikation teilweise noch schwieriger macht als auf dem Wasserwege. Hier spielt - wenn in der Regel nur über geringe Entfernungen - der Wind eine verbindende Rolle.

Waldinseln in Agrarräumen

Viele einst zusammenhängenden Waldfächen sind im Laufe der Geschichte zu Acker-, Weide-, und Siedlungsland umgewandelt worden. Verblieben sind inmitten dieser Landschaften einzelne Baumgruppen, Heine und Horste, gelegentlich kleine Wäldchen, bei denen man gelegentlich nich sicher ist, ob sie noch als "Wald" zu bezeichnen sind. Entsprechendes gilt für ausgedehnte Waldsteppen und Ödländereien. Herausgetrennt aus ihrem ursprüglichen Lebensraum und umgeben von einer waldfreien Umwelt erfuhren diese Baum-/Waldinseln tiefgreifende Veränderungen, und sie sind vielfach in ihrer Existenz bedroht. Entsprechendes gilt für kleine isolierte Erstaufforstungen in sonst waldfreien Gebieten.

Besonders geschütze Wald- und Bauminseln

Hierzu zählen die verschiedenartigsten Natur- und Landschaftsschutzgebiete, in denen Waldbiotope, anders als bisher, durch besondere Maßnahmen der Bevölkerung, bestimmter Organisationen oder der Regierung in einem "ursprünglichen", möglichst naturnahen Zustand erhalten werden sollen. Dazu gehören im weiteren Sinne städtische Parkanlagen, Arboreten, ja einzelne Bäume, die für sich eine Art "Insel" bilden können.

 

 

 

Inseln innerhalb gesellschaftlicher Strukturen

Als Beispiel seien hier lediglich aufgeführt: indigene Waldvölker, etnische und andere Minoritäten (zu letztener gehören unter anderem auch die Forstleute!). Anderseits gehören duzu auch Sperrgebiete und - nach weitgehender Souveränität und Autarkie strebende Staaten.

Wenn eine Biozönose reduziert und/oder isoliert wird, nimmt Zahl der Arten im verbleibenden Lebensraum ab. Im Hinblick auf Biodiversität unterscheiden wir weitergehend genetische, Arten- und Ökosystem-Diversität. Eine Insel hat stets weniger Biodiversität aufzuweisen als eine vergleichbar große Fläche auf einem Kontinent, anderseits aber einen hohen Grad von Endemismus. Wenn Arten auf Insel aussterben, wird deren Zahl durch Rekolonisation oder Einwanderung neuer Arten ausgeglichen, soweit dies möglich ist. Inseln ziehen geradezu "früchtlinge und Touristen" an. Je größer der Abstand zu vergleichbaren Lebensräume, oder je wirksamer die Abgrenzung/Abschirmung gegen diese, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Exemplare einer bestimmten Art die Grenzen dieses Lebensraumes überwinden, um sich neu anzusiedeln

Von besonderer Bedeutung sind die Grenzzonen-Bedingungen. Je kleiner die Fläch einer Insel, desto länger ist ihre Grenze im Verhältnis zur eingeschlossenen Fläch. Eine quadratische Aufforstung von 1 Hektar zum Beispiel, also von 100 × 100 m, hat einen Grenzumfang von 400 m, eine Aufforstung von 1 km² (1000 × 1000 m = 100 ha) hat dagegen nur einen Grenzumfang von 4000 m, entsprechend 40 m je Hektar. Dies wirkt sich beispielweise sehr deutlich bei den kosten erforderlicher Schutzzäume aus. Mit anderen Worter: je kleiner eine Waldinsel, desto (relativ) geringer irs die von äußeren Einflüssen ungestörte Fläch des eigentlichen Waldökosystems , desto größer ist der Bereich der Übergangs- und "Konfliktzone". Kleine Betriebe, zum Beispiel Bauernwaldparzellen, aber auch kleine Staaten, sind so auch in besonderem Maße dem Einfluß der umliegenden Gebiete ausgesetzt. In der Forsteinrichtung ist unter anderem die Anwendung allgemeiner Ertragstafeln kaum noch möglich. Wechselwirkungen zwischen solchen Wäldchen und dem umgebanden Acker- oder Weideland sind ausgeprägt und nicht immer positiv.

Eine völlige Isolierung kann in der Regel nicht Absicht der Beiteiligten sein, schon gar nicht in unserem integrations- und kooperationsorientierten Zeitalter. Es ist überdies ein grundlegendes Bestreben - ja eine Existenzfrage - aller Lebewesen, der Pflanzen, Tiere und Menschen, in einem bestimmten Maße miteinander zu kommunizieren. Um von Insel zu gelangen, braucht man Transportwege, Transportmittel und Transporteure. Transportwege können z.B Gewässer, besoners fließende Gewässer, sein oder Wege auf dem Festlande, usw. Transportmittel sind die natürliche beschaffenheit (Schwimm- oder Flugfährigkeit von Samen) oder anthropogene Hilfsmittel wie Schiffe und diverse Fahrzeuge, Transporteure sind vielfach Tiere (man denke an die große Bedeutung von Insekten - Bestäubung - und Vögeln - Samentransport) oder Menschen. Wo der physische Zugang erschwert ist, können Brücken oder Korridore die die Verbindung herstellen, notwendigen bzw. wünschenswerten Austausch erleichtern und der Erhaltung bzw. Anreicherung von Biodiversität und wirtschaftlicher Aktivität dienen.

Das forstliche Bewirtschaften kleiner, und womöglich weit auseinander liegender Waldinseln bereitet besondere Schwierigkeiten. So ist in vielen Fällen allein die Frage nach der "kritischen Masse" zu stellen bzw. die Frage nach Möglichkeiten von vernetzten Systemen im auf eine Überprüfung von Effektivität, Effizienz, Nachhaligkeit und Ausbaufähigkeit von Investitionen und forstlichen Maßnahmen. Kleine Inseln erforden oft ein besonderes Maß an Intensivierung (damit überhaupt etwas erreicht werden kann) und damit spezifische waldbauliche und technische, aber auch organisatorische Maßnahmen. Betreuung und Beaufsichtigung, Schutz, Pflege und Nutzung weit auseinander liegender Waldinseln oder sehr unterschiedlicher Kleinbetriebe erfordert hohen personellen, materiellen und finanziellen Aufwand, die Vermarktung von Holz und Wohlfahrtsfunktionen spezielle Strategien. Nicht ohne Grund nimmt deshalb im Waldgesetz der Bundesrepublik Deuschland die Förderung forstlicher Zusammenschlüsse einen besonders weiter Raum ein.

Dies alles trägt dazu bei, daß Anforderungen an die Forsteinrichtung und Forstpolitik zwangsläufig zunehmen, wenn einst zusammenhängede, große Waldgebiete zu einem unterbrochenen Mosaik von Waldinseln reduziert, oder wenn große Besitz- und Wirtschaftseinheiten, zum Beispiel des Staatswaldes, im Zuge von Bodenreformen in Kleinprivatwald umgewandelt werden. Solchen Anforderungen haben sich die Forstleute heute und in Zukunft viel stäker zu stellen ehemals zu Campenhausens Zeiten. So wichtig und lehrreich ein Rückblick über 200 Jahre sein mag - und diese Tage boten dazu rechlich Gelegenheit - so unerläßlich ist es, jetz den Blick rechtzeitig auf kommende Aufgaben zu richten. Möge die Beschäftigung mit der Forstwirtschaft der estnischen Waldinseln allen Verantwortlichen viele nützliche Ideen und nachhaltige Erfolge bringen!