Die Deutchen und Deutschbalten im Forstwesen
der Republik Estland (1918 – 1940)
Malev Margus
Im Forstwesen Estlands hat die deutsche Erfahrung der Forstwirtschaft eine grosse Rolle gespielt. Die ersten Forsteinrichter und Forstmeister im 18. und 19. Jahrhundert sind im grössten Teil die Deutschbalten gewesen, die ihre fachlichen Kenntnisse am meisten in Deutschland erhalten hatten. Unter den Forstmeistern des 20. Jahrhunderts sind auch häufig die Deutschbalten gewesen.
In der selbständigen Republik Estland haben schon die Esten als Forstmeister dominiert. Doch die Deutschbalten haben unter den Forstmeistern Anfang der zwanziger Jahre ungefähr ein Viertel ausgemacht, aber Ende der dreissiger Jahre mehr als ein Zehntel.
Eine Reihe von estnischen Forstwissenschaftlern hatten ihre Vorbereitung in erster Linie in den deutschen oder auch russischen Hochschulen bekommen. In Deutschland vor allem in der Forstakademie Eberswald. Aber noch mehr Esten und Deutschbalten hatten ihre forstkundlichen Kenntnisse vor dem Ersten Weltkrieg als Lehrlinge der deutschbaltischen Forstmeister der Herrenhöfe erhalten.
In der Republik Estland haben die Forstmeister (darunter viele Deutschbalten) ihre Vorbereitung in der Forstabteilung der Tartuer Universität (TU) bekommen. Dabei wurde auch mit der Errungenschaften der deutschen und deutschbaltischen Forstwissenschaft gerechnet.
Die Deutschen und Deutschbalten als Forstmeister Estlands im Jahre 1921
Im Jahre 1921 sind in der Republik Estland 92 Forstmeister gewesen, von dem denen etwa 19 (20%) deutscher und deutschbalter Herkunft waren. Es sei hier folgende Liste von ihnen angegeben:
Im Landkreis Harju 2 von 14: Martin Eckbaum (Purila), Franz Tomson (Keava).
Im Landkreis Wiru 5 von 13: Karl Ahrens (Roela), Siegfried Blosfeld (Sagadi), Friedrich Brede (Püssi), Karl Pichen (Rakke), Edgar von Vorkampff-Laue (Iisaku).
Im Landkreis Järva 3 von 6: Hans Schütz (Rava), Leonhard Stegmann (Koeru), Gustav Winterfeld (Jäneda).
Im Landkreis Pärnu 4 von 14: Eduard Holz (Vändra), Ernst Feuerabend (Voltveti), Heinrich Göschel (Orajõe), Alfred Reinbach (Polli).
Im Landkreis Viljandi 2 von 10: Paul Kügler (Kabala), Roman Steinberg (Kaavere).
Im Landkreis Tartu 1 von 10: A. Stackelberg (Ahja).
Im Landkreis Võru 1 von 10: Theodor Grunert (Vastseliina).
Es sind noch einige Forstmeister gewesen, die einen deutschen Namen gehabt haben, deren Nationalität heute aber nicht bekannt ist. Damit könnte ungefähr ein Viertel von allen Forstmeistern Deutsche und Deutschbalten sein. Einige bekannte Deutsche und Deutschbalten als Forstbeämter Estlands in den dreissiger Jahren:
Otto von Buxhoevden (geboren am 30 Juli 1880 in Saaremaa, Muratsi und gestorben am 17. Oktober 1934 in Tallinn). Er hat Forstakademie Eisenach im Jahre 1906 beendet. Hat als Forstmeister in den Forstämtern Käesla und Kuressaare gearbeitet.
Georg von Deinhard (geboren am 2. Februar 1911 und gestorben 1986 in Deutschland) hat in der Forstabteilung der TU in den Jahren von 1931 bis 1937 studiert (vorläufiges Zeugnis über Ablegung aller Prüfungen). Hat als Assistent des Forstmeisters im Forstamt Sõmerpalu gearbeitet. Er ist den Jahren des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland umgesiedelt.
Johannes Heinz Precht (geboren am 22. Januar 1911 und gestorben 1994 in Deutschland) hat in der Forstabteilung der TU in den Jahren von 1929 bis 1935 studiert. Hat in Estland als Assistent des Forstmeisters dem Forstamt Mõtsu gearbeitet. Umgesiedelt nach Deutschland, wo es als Forstmeister und Lehrer der Forstschule gearbeitet hat. Er hat einige Artikel über Forstgeschichte Estlands publiziert.
Felix Heinrich Bohumil Kremser (geboren am 4. Februar 1913 und gefallen am 26. Juni 1944). Er hat in der Forstabteilung der TU in den Jahren von 1932 bis 1937 studiert. Hat in Estland als Förster gearbeitet.
Axel Koch (geboren am 13. Januar 1884 und gestorben am 13. November 1965 in Deutschland) hat in Estland in den zwanziger Jahren als Forstmeister des Forstamtes Otepää gearbeitet. Im Jahre 1939 ist er nach Deutschland umgesiedelt.
Arnold Nockur (geboren am 16. Januar 1881 und gestorben im Jahre 1954 in Deutschland) hat die Forstfakultät der Universität Göttingen im Jahre 1910 beendet. Hat in Estland in den Jahren von 1910 bis 1930 als Forstmeister des Herrenhofes und danach des Forstamtes Karksi gearbeitet. Im Jahre 1941 ist er nach Deutschland umgesiedelt.
Woldemar Adolf Johann Pielbusch (geboren am 22. September 1887 und gestorben am 16. November 1963 in Deutschland) hat in Estland als Forstmeister der Stadt Tartu gearbeitet.
Arwid Reinwald (geboren am 23. Juli 1883 und gestorben am 5. Dezember 1964 in Deutschland) hat das Forstinstitut in Petersburg im Jahre 1910 absolviert. In Estland hat er 1925-1934 als Leiter der Forstschule in Voltveti und 1934-1939 als Leiter des Forsteinrichtungsbüros gearbeitet. In Kriegsjahren ist er nach Deutschland umgesiedelt und hat dort als Leiter des Übersetzungsbüros in Eberswald gearbeitet.
Boris Walter Koljo (geboren am 16. März 1901 in Tallinn und gestorben am 18. April 1963 in Stockholm) hat die Forstabteilung der TU im Jahre 1933 beendet. Hat in den Jahren von 1928 bis 1938 als Hilfskraft und Assistent in der Forstabteilung der TU gearbeitet. Von 1938 bis 1941 hielt er sich im Auslande als diplomierter Lehrer zur Weiterbildung auf. Er ist im Jahre 1941 nach Deutschland und danach 1945 weiter nach Schweden ausgewandert. Dort hat er von 1946 bis 1963 am Holzforschungsinstitut als Assistent gearbeitet (eine kurze Zeit auch als der Dozent der Forstuniversität Schwedens). Magisterdissertation im Jahre 1939 bei der TU, Doktordissertation im Jahre 1951 bei Hamburger Universität.
Arthur Hermann von Rühl (geboren am 17. Februar 1899 in der Gemeinde Laiksaare und gestorben am 2. Juli 1975 in Deutschland) hat die Forstabteilung der TU cum laude im Jahre 1926 beendet. Magisterdissertation im Jahre 1927, Doktordissertation im Jahre 1935 (beide an der TU). Hat von 11926 bis 1928 als Forstmeister des Forstamtes Kilingi, von 1928 bis 1931 als Forstrevident und von 1931 bis 1939 als Revisor-Forstmeister des Forstamtes Püssi gearbeitet. Im Jahre 1939 ist nach Deutschland umgesiedelt, wo er in den Jahren 1939 bis 1951 als Assistent des Forstmeisters und Oberforstmeisters (Forstamtes Liebusch) gearbeitet hat. In den Jahren von 1951 bis 1965 ist er an der Forstfakultät der Universität Göttingen als Assistent, Dozent und Professor auf dem Fachgebiet die Grundlagen des Waldbaues gewesen. Hat ungefähr 60 Bücher und Aufsätze publiziert.
Boris von Harten (geboren am 11. März 1899 in Pärnu und gestorben am 10. November 1960 in Deutschland) hat die Forstabteilung der TU im Jahre 1930 beendet, ausserdem noch die rechtswissenschaftliche Fakultät im Jahre 1936. Hat in den Jahren von 1923 bis 1941 in vielen Orten als Assistent des Forstmeisters und als Forstmeister gearbeitet. Ist im Jahre 1941 nach Deutschland umgesiedelt und hat dort bis 1954 als Forstmeister gearbeitet.
Alfred Carl Andreas von Hahn (geboren am 26. Januar 1897 in Kuressaare und ermordet im August im Jahre 1944 in Polen) hat am Polytechnischen Institut in Riga in der Jahren von 1916 bis 1917 und in der Forstabteilung der TU von 1920 bis 1921 studiert. In den Jahren 1924 bis 1939 tätig als Forstmeister des Forstamtes Orajõe und Hallingu. Ist im Jahre 1939 nach Deutschland umgesiedelt.
Emil Johannes Wilhelm von Vorkampff-Laue (geboren am 17. November 1901 in Russland und gefallen am 25. oder 30. März 1944 an der Ostfront) hat in den Jahren von 1922 bis 1925 in der Forstabteilung der TU studiert. Forstmeister der Forstämter Iisaku, Roela, Käru und Kõnnu. Ist im Jahre 1939 nach Deutschland umgesiedelt.
Elmar Assor (geboren am 12. Juni 1901 in Rõuge und gestorben am 20. März 1987 in Deutschland) hat im Jahre 1928 die Forstabteilung der TU absolviert. Hat in den Jahren von 1929 bis 1938 als Forstmeister des Forstamtes Kloostri und danach als Assistent des Forstmeisters für Versuchswesen im Versuchsforstamt Voltveti gearbeitet. Er ist im Jahre 1939 nach Deutschland umgesiedelt und dort als Forsteinrichter gearbeitet.
Hans Knüpffer (geboren am 12. Sept. 1884 und gestorben am 15. Nov. 1946 in Deutschland) hat des Forstinstitut in Petersburg beendet. Hat in den Jahren von 1921 bis 1929 als Forstmeister des Landkreises Harju und Viljandi, und als Abteilungsleiter für Forstnutzung in der Hauptverwaltung der Wälder Estlands, als Forstrevident des Bezirkes Alutaguse, 1929 bis 1933 als Revidentforstmeister des Forstamtes Märjamaa und 1933 bis 1939 als Forstmeister des Forstamtes Väätsa gearbeitet. Ist im Jahre 1939 nach Deutschland umgesiedelt und hat dort als Forstmeister des Forstamtes Thorn (Preußen) gearbeitet.
Gerhard Johannes Alexander Kremser (geboren am 7. Juli 1873 in Viljandi und gestorben am 21. Juni 1957 in Deutschland ) hat die Forstakademie in Eisenach im Jahre 1900 beendet. Er arbeitete in den Jahren von 1926 bis 1931 als inspektor für Forstnutzung und als leiter der Abtheilung der Reichsforstverwaltung, 1931 bis 1938 als Revidentforstmeister des Forstamtes Aakre. Ist im Jahre 1941 nach Deutschland umgesiedelt und dort als Forstbeamter in den Forsteinrichtungen gearbeitet.
Walter Gerhard Friedrich Kremser (geboren am 16. Okt. 1909 in Tartu, lebt in Deutschland, Iserlohn) hat die Forstabteilung an der TU im Jahre 1937 beendet. Hat in den Jahren 1934 – 1938 als Förster und Assistent des Forstmeisters, von 1938 bis 1941 als Forstmeister des Forstamtes Permisküla und Roela gearbeitet. Ist im Jahre 1941 nach Deutschland umgesiedelt. Hat in den Jahren von 1950 bis 1968 als Forsteinrichter, 1966 bis 1978 als Referent des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Wälder des Bundeslandes Niedersachen (Oberlandforstmeister) und in den Rentejahren als Dozent an der Forstwissenschaftlichen Hochschule gearbeitet. Doktor honoris causa der Universität Göttingen (1993). Er ist der Autor der Bücher und Artikel mit einer Gesamtzahl über 150.
Ernst Gothard Karl Riedel (geboren am 7. Aug. in Roela und gestorben am 17. Apr. 1979 in Deutschland) hat von 1921 bis 1926 in der Forstabteilung der UT studiert. Hat als Assistent des Forstmeisters des Forstamtes Piirsalu und als der Forstmeister des Forstamtes Veriora gearbeitet. Ist im Jahre 1939 nach Deutschland umgesiedelt und hat dort als Forsteinrichter gearbeitet.
Leonhard Stegmann (geboren am 16. Dezember 1877 in Helme und gestorben am 2. Okt. 1965 in Esna) hat praktische Forstwirtschaft studiert. In den Jahren von 1921 bis 1949 als Forstmeister des Forstamtes Varangu. In den Jahren von 1949 bis 1957 in Sibirien. Später hat er als Rentner in Estland gelebt.
Roman Steinberg (geboren in Estland und gestorben am 3. Apr. 1969 in Deutschland) hat in den Jahren von 1921 bis 1939 als Forstmeister in den Forstämtern Kaavere (Kurista) gearbeitet. Im Jahre 1939 is er nach Deutschland umgesiedelt.
Wenn es keine Kriegsjahre, Okkupation und Umsiedlung der Deutschen und Deutschbalten gegeben hätte, hätten sie im Forstwesen der Republik Estland eine Stabilität erreicht. Sie haben etwa 10% unter den Forstmeistern ausgemacht. Denn eine Reihe von jungen Männern hat vor dem Kriege in der Forstabteilung der TU studiert. Hier sein einige genannt: 1929 - 1933 Nils Otto Erwin von Ungern-Sternberg (geboren am 2. Aug. 1909 in Koigi); 1924 - 1927 Georg Herbert Adolf von Ditmar (geboren am 26. Juni 1904 in Kärdla); 1921 - 1926 Evald Mentson (geboren am 1. März 1922 in Rõuge); 1934-1939 Carl Alfred Raack (geboren am 21. Juni 1911 in Pleskau), hat in Tharand weiterstudiert; 1925 - 1931 Edgar Heinrich Seeberg (geboren am 2. Juli 1902 in Kuremaa); 1925 - 1929 Voldemar Artur Seeberg (geboren am 2. Juli 1902 in Kuremaa); 1931 - 1939 Paul Oskar Hammerbeck (geboren am 4. Okt. 1912 in Riga); 1930 - 1935 Berend Tragott Mommsen Lorenzen (geboren am 15. Apr. 1908 in Albu, gefallen an der Ostfront am 20. Apr. 1945); 1932 - 1939 Gunnar Spiegel (geboren am 12. März 1912 in Riga, gestorben 1980).
Die Beziehungen der Deutschbalten-Forstmänner in Deutschland mit den estnischen Forstwissenschaftlern
Die deutschbaltischen Forstwissenschaftler und die Forstbeamten Deutschlands haben mit den estnischen Forstwissenschaftlern schon in den achtziger Jahren vor Wiederherstellung der Repubik Estland nach Kontakten gesucht. Von diesen Fachleuten muß man an der ersten Stelle Prof. Dr. Hans Jürgen Baron Maydell nennen, der als siebenjähriger Junge im Jahre 1939 aus Estland ausgesiedelt war. Er pflegt seit einigen Jahren enge Kontakte mit dem Estnischen Forstinstitut und mit der Forstfakultät der Estnischen Agraruniversität: Er ist für uns Wegbereiter gewsen und hat uns geholfen, immer neue Kontakte mit anderen deutschen führenden Forstbeamten aufzunehmen. Der Professor hat schon frührer vor unseren Forstwissenschaftlern aufgetreten und ist Ehrendoktor unserer Agraruniversität.
Im Jahre 1988 hat Dr. honoris causa Walter Kremser enge Kontakte mit seinem Geburtsland im Bereich des Forstwesens geknüpft. Natürlich haben wir Kontakte mit mehreren Forstwissenschaftlern gehabt. Sie alle sind daran interessiert gewesen, uns ihre forstkundlichen Erfahrungen und Kenntnisse weiterzugeben. Deutsch-estnische forstwirtschaftliche Kontakte verbreiten sich mit jedem Jahr.