Leyon Pierce Balthasar Freiherr von Campenhausen als Schriftsteller
Malle Salupere
Im Gegenteil zu seinem Onkel, der in unserer Kulturgeschichte eine so wichtige Rolle gespielt hat und dessen Gedächtnis wir heute feiern, spielt mein Held in der Familiengeschichte von Campenhausen keine bedeutende Rolle. Bis 1910 war er aus derselben beinahe ausgeschlossen und "galt als ein Dichterling, als ein Entgleister, ein Leichtfuss, der seiner Familie keine Ehre gemacht habe". So schrieb Hermann Baron Campenhausen in seinem ersten (und letzten) Beitrag zur Geschichte des Geschlechts der Freiherren von Campenhausen, der 1910 in Riga als Manuskript für Familienmitglieder gedruckt war. Dieser Beitrag ist ganz dem Entgleisten, vornehmlich dessen Jugend gewidmet und schliesst die im Orellenschen Familienarchiv befindlichen Briefe aus seinen Lehr- und Wanderjahren und auch einige aus Petersburger Zeit auf. Das ermöglicht uns die trockenen Daten der deutschbaltischen Nachschlagewerke zu beleben und gibt Einblicke in das Leben und Schicksal eines so hoffnungsvollen Mannes, der eigentlich ein Opfer der ständischen Familienvorurteile geworden ist. Hatte sein Grossvater Balthasar (1689 - 1758), der Kampf- und Abenteuersgenosse Karls XII, sich mit der Familie entzweit, weil man ihm die militärische Laufbahn nicht einwilligte, so verachtete und verabscheute Pierce Militärdienst - und zuerzt blieb ihm doch nichts anderes übrig. Aber welche glänzende Mögkichkeiten hatte er inzwischen nicht ohne Mitwirkung der Hartnäckigkeit seines Vaters verspielt! Dieser hat wohl in Europa eine dem Sohn ähnliche Bildung erhalten, aber die Aufklärungsideen haben ihn nicht berührt und sein Herz war gleichgültig zu allem, was nicht Pflicht oder Standesstolz heisst. So hat er offenbar die Gefühle und flehentliche Bitten seines Sohnes niemals ernst genommen.
Das Deutschbaltische biographische Lexikon berichtet auf S. 142: "Schriftsteller. Riga 14.1.1746 – 8.9.1807, verh. N. N. Häuslicher Unterricht. 1763 stud. jur. In Göttingen. Dann in Genf (bei Voltaire). Auf Reisen in Italien, Spanien, Holland, England u.d. Schweiz u. Deutschland.1770 kurfürstl. sächs. Kammerherr. Nahm im russ. Heer 1770 – 74 am Feldzug gegen d. Türken teil, führte d. ausl. Korrespondenz in d. Kanzlei Potemkins. Im Isjum. Hus. rgt, auch im poln. Krieg; 1797 im Kürass. Rgt in Riga, als Major verabschiedet. Lebte als Schriftsteller in Riga."
Diese Angaben sind aus den früheren Lexikonen genommen, aber die dort fehlenden Jahre des Türkenkrieges irrtümlich angegeben. Pierce trat in den Militärdienst erst nach dem Tode seines Vaters, höchstens 1783 und machte den zweiten Türkenkrieg 1787 - 1792 mit. Gleich darauf kam der Krieg in Polen, und als ihm nachher der Kaiser nicht erlaubt hat, bei den Husaren in der Steppe zu bleiben, so hat er sich verabschiedet. Er hatte einen, wie es scheint, unehelichen Sohn, der durch einen namentlichen Befehl adoptiert und später zur Orthodoxie übergetreten war.
Ein fehlgeschlagenes Schicksal ist ja eigentlich nichts Besonderes. Die meisten Leute haben ihre Kräfte und Möglichkeiten nicht entwickeln können und müssen am Ende des Lebens eine traurige Bilanz der überwiegenden Fehler und Verluste ziehen. Vielleicht eben deshalb ergreifen uns solche Lebensbeschreibungen und zwingen zum Mitleid.
Pierce hatte sich die Unzufriedenheit des Vaters mit seinem Charakter schon im Knabenalter zugezogen. Die Hauptvorwürfe, wie ein späterer Brief zeigt, lauten: "Arbeite vor allen Dingen an Deinem iudicio (das Wort soll hier vor allem Vernuft und Urteilskraft heissen); hiermit scheint es mir noch zu hinken. Die Ursache ist, dass Du Dich durch alles scheinende und glänzende gleich hinreissen lässt, und nicht alles mit Zurückhaltung prüfest, ehe Du Deine Gedanken äusserst. /…/ Ich muss Dich diesetwegen um so mehr als Dein Vater und Dein bester Freund vermahnen als Du schon in Deinem Vaterlande dieserwegen in schlechtem Rufe bist."
Das alles abzuschleifen, wurde Pierce auf sechs Jahre in die Fremde geschickt. Von seinem 17. bis 24. Lebensjahr stand er unter Aufsicht des mit väterlicher Gewalt ausgestatteten französischen Obersts a. D. de Feronce. Diesen könnten wir eher für einen im heutigen Sinne Manager als für einen Hofmeister halten. Er sollte über die Studien seines Zöglings wachen, ihm überall den Weg bahnen, alle günstige Gelegenheiten zu Bekanntschaften und Auszeichnungen ausnutzen oder schaffen. Jeden Monat war er dem Vater berichtspflichtig, und diese Berichte hat Hermann von Campenhausen auch stellenweise referiert. Die ersten dreiundhalb Jahre waren dem Studium, zuerst in Göttingen, dann drei Jahre in Genf, gewidmet. Die oft wiederholte Nachricht, als wäre er dort mit Voltaire befreundet und zwei Jahre in dessen Hause gelebt, findet in den Familienbriefen keine Bestätigung. Sein Biograph hält das für unwahrscheinlich, weil der Baron nachweislich alle diese Jahre mit Feronce zusammengelebt hatte. Doch sieht er einen lebenslangen Einfluss Voltaires auf Campenhausens Ansichten und Werke, welchen auch wir bestätigen können. Ob das vom Zeitgeist oder einem persönlichen Verkehr herrührt, bleibt jedoch offen. Ich denke, er konnte sehr gut in Voltaires Hause wohnen, weil dieser in Genf mehrere Häuser hatte, die er natürlich ausmieten musste. Er selbst wohnte, wie bekannt, unweit in Ferney. In einem späteren Aufsatz, wo Pierce mit Begeisterung über Voltaire schreibt, erwähnt er nicht dessen Bekanntschaft, obwohl er bei Erwähnung von Gessner solches nicht unterlässt.
Also atmete Pierce in Genf mit voller Brust die Aufklärug ein, besuchte emsig die Vorlesungen - davon zeugen die in lateinischer und französischer Sprache erhaltenen Konzepte über Rechtswissenschaft und Geschichte - und erwarb eine sehr gründliche und vielseitige klassische Bildung, was sich nach vielen Jahren in seinen Werken stets widerspiegelt.
Den Lehrjahren folgten drei Wanderjahre, wo de Feronce seine Talente vollkommen glänzen liess. Er ist mit dem Zögling zufrieden und schreibt aus Grenoble u.a.: "Der Herr Baron fasst sehr gut den wahren Ton der grossen Welt; mit Anstand fügt sich Bräuchen. Ich suche nach Möglichkeit den Verkehr mit jungen Leuten, die seinen Leichtsinn herausfordern, zu beschränken." Aus Neapel schreibt Feronce die bedeutsame Kritik: "Lobhudeleien über seinen Verstand und seine Gestalt machen in seiner Eigenliebe sichtbare Fortschritte und erwecken sogar unangebrachte Ansprüche. Die geringste Schmeichelei bläht seine Eitelkeit… "Sonst ist Feronce mit den Resultaten seiner Bemühungen zufrieden und glaubt dem Vater einen ihn würdigen Sohn zurückzubringen. Der Vater ist jedoch misstrauisch geblieben, und erst als Pierce in Verona an einer schweren Krankheit beinahe gestorben wäre und Feronce schreibt, dass der glückliche Ausgang auf seinen Charakter einen wohltätigen Einfluss gemacht habe, antwortet der Vater: "… seine früheren Verirrungen haben auf mich einen solchen Eindruck gemacht, dass bisher auch alle guten Hoffnungen, die späterhin zu wecken verstanden, mein Misstrauen in seine Charakteranlagen nicht haben heben können. Erst sein letzter Brief und Ihr Brief haben mich in dieser Hinsicht zum ersten Mal beruhigen können." In demselben Brief hat er dem Sohne den Wunsch, zur Erholung nach Genf wiederkehren zu dürfen, abgeschlagen und gemeint, dass er sich den Winter über auch in Paris erholen könnte. Pierce verfügt sich. In zwei Jahren werden verschiedene Länder besucht, auf verschiedenen Höfen nützliche und rühmliche Bekanntschaften geknüpft. Und dann schlägt der Blitz ein. Der Biograph schreibt: "Sein erster, vielleicht einziger Liebestraum — die später auftauchenden Heiratsprojekte haben nichts mit dem Herzen zu tun — zeigt uns unter Leichtsinn, Torheit und Irrtum echtes Gefühl, ein Menschenschicksal." Forence hatte noch nichts gemerkt, als Pierce sein schon drei Jahre dauerndes Geheimnis dem Vater aus Paris eröffnet. In einem überlangen hitzigen tränenfliessenden Brief versucht er alles, den Vater zu besänftigen und zu überzeugen, dass es für ihn kein anderes Glück auf der Welt gäbe. Sie ist Kalvinistin, eine reiche Kaufmannstochter. Pierce schreibt: "Achtungswert ist der Stand des Kaufmanns. Ihn gehorcht die Welt /…/ Allein das Vorurteil, eine Lächerlichkeit, die jedes denkende Wesen verabscheut, schätzt den achtungswertesten Stand niedriger ein als einen durch alte Pergamente verbrieften, in dem die Nachfahren oft nichts taugen. Wenn es sich ums Leben, um Glück handelt, darf man ein Vorurteil beachten?! /…/ Ohne sie will und kann ich nicht leben, doch ich kann auch leben ohne Ihr Segen."
Das wurde entscheidend. Obwohl sogar Feronce seine Beleidigung, dass man ihn so hintergangen hatte, überwandte und sich für die Liebenden einsetzte, liess der Vater sich nicht erweichen. Als dann noch aus Livland eine Nachricht über seine gefährliche Krankheit eintraf, schrieb Pierce nach Genf einen förmlichen Verzicht. Feronce bringt ihn zum Dresdener Hof, wo es ihm gelingt, seinem Zögling vor anderen dort weilender jungen Livländern die goldenen Kammerherrnschlüssel zu verschaffen. Auch ein Heiratsprojekt mit einer Komtesse taucht auf, alles scheint erledigt, aber in dem Punkt des vom Vater auszusetzenden Jahrgeldes wurden die Seiten nicht einig. So hat Feronce dem Vater den wohlerzogenen Kammerherrn, aber nicht die hochgeborene Schwiegertochter nach Hause gebracht.
Feronce hat seine Aufgabe erfüllt und nimmt in Riga Abschied. Pierce finden wir schon im Herbst 1770 am Hof der grossen Katharina. Anfangs läuft alles gut. Er wird überall "beinahe als Russe" empfangen, ihm schwebt eine würdige Anstellung vor. Seit Ende Oktober trägt er sich mit Heiratsplänen um und bietet seine ganze Beredsamkeit auf, den Vater von den Vorteilen dieser Alliance zu überzeugen. Sie ist eine Hofdame der Kaiserin, geliebte Nichte des allmächtigen Orlov, Fräulein Zinovjev. Wir bringen einige Auszüge aus den Briefen:
Ihre Majestät wünscht eine solche Verbindung zwischen uns (d.i. Deutschbalten – M. S.) und den Russen /…/ Es ist die erste Partie von ganz Russland. Bedenken Sie, dass sich einem nicht zweimal im Leben eine solche Gelegenheit bietet, an einem grossen Hof hochzukommen.
"Nie in meinem Leben werde ich etwas gegen Ihren willen tun. Doch wenn Sie sich dieser Verbindung wiedersetzen, die für mich Karriere und Glück bedeutet, dann lassen Sie mich in der Fremde meinen Kummer ersticken, eine unnütze Last auf dieser Erde zu sein. Ich verachte das Militär. Allein mit Freude werde ich dies Los dann ergreifen. Es wäre ein Unglück, wenn mich keine Kugel träfe.
Es ist gefährlich, einen Grossen zurückzuweisen, wenn dieser Grosse die ersten Schritte getan. Werden Sie der Einzige sein, der sich meinem Glück widersetzt? Meine so sorgsame Erziehung hatte doch diesen Zweck. Scheitert diese Heirat, dann ist sie umsonst gewesen. Wollen sie mein Unglück?"
Es war alles umsonst. Der alte Campenhausen wies den Gedanken, dass seine Enkel fremdes Blut haben könnten, entschieden zurück. Die politischen Erwägungen interessierten ihn scheinbar nicht. Dass Katharina diese Heirat wünschte, mag richtig sein. Sie plante gerade die Einschränkung der Rechte und Privilegien der baltischen Ritterschaften und ein Verbündeter wie Campenhausen wäre ihr sehr willkommen gewesen. Natürlich wandte sie nach Absage ihre Gunst ab.
Pierce verliert den Boden unter den Füssen, gerät in schlechte Gesellschaft, macht peinliche Schulden, und in einem Jahr ist sein Ruf in Petersburg ruiniert. Er beichtet dem Vater und reist im Frühjahr 1772 nach Riga ab. Die Verwandten machen noch einen Versuch, ihn zu verheiraten, aber aus unbekannten Gründen scheitert auch dieser Plan.
Wie und wo er die nächsten zehn oder zwölf Jahre zugebracht hat, wissen wir nicht. 1779 hat sein Vater ihn mit einer dürftigen jährlichen Rente aus der Erbschaft ausgeschlossen, zugunsten seiner beiden Schwester.
Seine eigentliche literärische Tätigkeit beginnt erst nach seinem 40, Lebensjahr. 1788 erschien in Reval ein Oktavheft von 119 Seiten unter dem Titel "Gedichte. I Teil." In der "Allgemeinen Literaturzeitung" ist darüber eine Nachricht oder Rezension erschienen, welche uns nicht zugänglich war. Ebenfalls ist es mir nicht gelungen, seine Gedichte aufzutreiben. Es scheint, dass auch die früheren Biographen über kein Exemplar verfügt haben, wenigstens findet sich nirgends ein Wort über den Charakter dieser Schöpfungen und ebenfalls kein Beispiel in den Anthologien, wo sonst die unbedeutendsten Autoren vorgestellt sind. Es ist möglich, dass dieses ein Jahr vor der Französischen Revolution erschienene Büchlein nach einigen Jahren und allen uns bekannten Ereignissen für einen Freiherrn allzu freimütig aussehen konnte oder dass es der eingeführten Zenzur zum Opfer fiel. Jedenfalls fehlt uns die Möglichkeit, über dichterische Fähigkeiten unseres Autors zu urteilen, und also müssen wir uns zur Prosa wenden.
Campenhausens nächstes Werk "Die Belagerung von Wenden. Drama in 5 Aufzügen aus den Ritterzeiten Livlands" erschien in Riga 1801. Im Vorwort hat er sein Themenauswahl begründet: "Fast alle Nationen haben theatralische Stücke ihrer Geschichte entlehnt. Auch die Geschichte unseres Vaterlandes könnte manch Traits von grösster theatralischer Schönheit vorzeigen, wenn sie nur sorgfältig gesammelt und durchgearbeitet wäre. Das Stück soll nicht schaudernd machen, sondern rühren.
Tiesenshausens Liebe ist erdacht, die Ereignisse aus der Geschichte genommen, obwohl sie nicht zur gleichen Zeit stattgefunden haben. Die Namen der Helden blühen noch; die weniger glänzenden sind von erloschenen Familien entlehnt."
Der Autor hofft, das Gedenken vaterländischer Stücke rege zu machen, damit geschicktere Feder sich dieser Arbeit unterziehen.
Dieses Drama ist kein Charakter-, sondern Ideenstück. Obwohl zur Zeit des in Deutschland blühenden Romantismus geschrieben, hat es damit nur die mittelalterliche Ritterthematik gemeinsam. Auch die Form, was die drei Einheiten betrifft, ist streng klassizistisch. Man erkennt hier seine französische Bildung, wo der Romantismus erst mit Victor Hugo zur Geltung kam.
Die Ereignisse sind wirklich zusammengedrängt. Schon die Sterbedaten des litauischen Fürsten Gedimins (1341) und des Olgierds (1377) stehen beinahe 40 Jahr voneinander, aber Campenhausen hat die beiden in einem Gefecht fallen lassen. In den Mund eines Litauers hat er die Worte gelegt: "So gab die Hand der Götter jedem Erdensohn seinen Teil Schwachheit, und der Trieb, sich über andere erheben zu wollen ist der stärkste. Lasst uns diesen Hang nützen."
Denselben Hang hat Campenhausen zur Treibfeder seines Stückes gamacht. Der Marschall des Livländischen Ordens (die zweite Person in der Hierarchie) fühlt sich beleidigt, dass Heermeister ihm einen anderen Ritter vorgezogen hatte und hat schon einige Zeit Rache vorbereitet. Verblendet durch Hass, hat er mit den Feinden des Ordens, den heidnischen Litauern ein Bündnis geschlossen, zu dessen Bekräftigung er seine Nichte dem litauischen Fürstensohn versprochen hat. Diese ist schon durch ihren verstorbenen Vater mit dem Bannerherrn Tiesenhausen verlobt, den sie zärtlich liebt und natürlich nichts vom Thron und Krone wissen will. Also ist alles vom Anfang an klar und man liest sich mit Mühe durch lange Dialoge und Monologe über ritterliches Heldenmut, Livlands Schicksal, des Ordens Ehre und Ruhm, über zerstörerische Kraft des Hasses und Neids, bis alle das Ihrige bekommen, der Verräter am Sterbebett sich wieder zu ritterlichen Tugenden bekehrt und die Liebenden gesegnet hat. Das Stück ist reichlich mit historisch-etnographischen Bemerkungen über Kostüme, Gebräuche u.s.w. versehen, kann aber schwerlich auf einer Bühne vorgeführt werden. Die Handlung ist leblos, ohne Wendungen, Kulmination und Lösung, obwohl Campenhausen, wie seine Aufsätze es beweisen, in der Theorie gut zu Hause war.
Als historischer Dramatiker hat Campenhausen also nur den Wert eines Bahnbrechers, wie er auch selbst gemeint. Es scheint doch, dass er im Vaterland keine Nachfolger gehabt hat. Wohl haben einige russische Romantiker Marlinski auf dieser Thematik vier Erzählungen: Schloss Wenden; Schloss Neuhausen; Schloss Eisen; Das Revalsche Turnier. Aber die historischen Begebenheiten bilden nur einen kaum vernehmbaren Hintergrund zum Kampf der Individualitäten mit unglaublichen und rührenden Ereignissen.
Wertvoll und ganz unverdient vergessen sind Campenhausens Aufsätze. Hier kommen seine Talente und Kenntnisse vollkommen zur Geltung. In der Form einer harmlosen Plauderei führt er historisch-geographische Schilderungen, Auslegung der Ereignisse des Polenkrieges 1793 und Beschreibung der türkischen Angelegenheiten während des zweiten Türkenkrieges vor, oder bietet dem Leser eine belehrende Übersicht der Geschichte der deutschen Bühne überhaupt und der Rigaschen besonders.
Sein Buch, betitelt "Bemerkungen über Russland, besonders einige Provinzen dieses Reichs und ihre Naturgeschichte betreffend, nebst einer kurzgefassten Geschichte der Zaporoger Kosaken, Bessarabiens und der Moldau und der Krimm vom Freiherrn von Campenhausen, Russisch-kaiserlichem Major der Kavallerie und verschiedener gelehrten Gesellschaften und Akademien Mitglied" erschien 1807 in Leipzig. Bruchstücke daraus waren früher in Kaffka’s Nordischem Archiv 1805 erschienen, und — was allen Bibliographen bisher entgangen ist — unter der Aufschrift "Fragmente aus der Brieftasche eines Husarenoffiziers, gesammelt im letzten Türkenkriege "anonym in Truharts Fama für Deutsch-Russland 1807 vom Juli bis Oktober. Daselbst, vom August bis November erschien "Der letzte polnische Krieg, von einem Augenzeugen, dem Kavalleriemajor P. Campenhausen". Warum ein Aufsatz unterschrieben ist und der andere nicht, bleibt unbekannt, aber die Zugehörigkeit steht ausser Zweifel, da die "Fragmente" des Husarenoffiziers den letzten Teil des ebengenannten Buches über Russland bilden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden in Riga erscheinenden Zeitschriften noch weitere anonyme Aufsätze von Campenhausen enthielten, aber eine solche Analyse würde uns zu weit führen. Mit seiner Unterschrift hat er im Nordischen Archiv 1804 noch folgende Aufsätze veröffentlicht, die von Interese für die deutsche Bühnengeschichte und das Theater sind: "Betrachtungen über Literatur, Schriftsteller und Theater" und "Kurze Geschichte der deutschen Bühne und des Rigaschen Theaters, nebst einer Abhandlung über Deklamation und deren Regeln." Übrigens versprechen die Überschriften mehr, als der Inhalt vorzuzeigen hat, aber es wird doch eine Menge interessanter Angaben und selbständiger Betrachtungen vorgeführt. Ganz nach dem Sprichwort Finis coronat opus finden wir in dem letzten Aufsatze eine erzürnte Verurteilung der gegenwärtigen Gesellschaft, wo der gute Geschmack verloren, die Sitten verdorben und wo es keinen Platz mehr für die lieblich lächelnde Thalia gibt. Überall sieht der Autor "die unterdrückte Menscheit, die Vernunft abgestumpft, die gegenseitigen Pflichten vergessen."
"Thalia ist nicht mehr im Stande, euch zu bessern", wendet er sich an seine Mitbürger - Es erhebe sich die Stimme des Gesetzgebers. Nur durch Sitten und Moralität wird das Vaterland sich auszeichnen."
Jetzt folgt ein Satz auf zwei Seiten, wo alle Stände und ihre Eitelkeit verurteilt werden. Die Charakteristik beginnt jedesmal mit den Worten: "So lange…" Zwei Beispiele: "…so lange der auf seinen Höfen lebende Adel, stolz auf vermoderte Ahnen, oder ein Stück Pergament, der Ratten Nahrung, alle anderen Stände gering schätzt, so lange er seinen ganzen Wirkungskreis auf Branntweinbrennen, Hasenschiessen und Bauern nicht als menschliche Geschöpfe anzusehen, einschränkt /…/ — so lange unsere Mütter nicht ernstlich daran denken, aus ihren Töchtern gute Gattinnen, edle Hausfrauen, zärtliche Mütter zu bilden, und die ganze Erziehung nur etwas Musik, Tanz und Putzmachen einschränken /…/ — ach so lange dieses alles nicht abgeändert wird, ist an den vorigen Satz nicht zu denken."
Diese und ähnliche Äusserungen erlauben in ihm einen Vorgänger des "Pernauschen Prometheus" K. G. Jochmann (1789 – 1830) mit seinen "unzeitigen Wahrheiten", die erst heute bewertet werden, zu erblicken. Doch hat Campenhausen, wie es scheint, seine Stimme auf diesem Gebiet nicht mehr erhoben und sich auf Schilderung des Erlebten beschränkt.
"Der polnische Krieg" ist absichtlich in der Form eines Kriegsrapports gehalten. Der Autor spricht in der Vorrede, dass er versuchen will, "in möglichster Kürze eine treue Darstellung der verschiedenen kriegerischen Vorfälle hier dem Leser vor Augen zu stellen, übergehend dabei alle politischen Ursachen und Verhandlungen. "Ein Soldat erzählt, dies sei die Entschuldigung." Doch ist die Erzählung spannend interessant und ziemlich aufschlussreich, weil die Schilderung auf einem vom Autor geführten Diarium begründet ist. Die strengste denkbare Unparteilichkeit kann doch nicht verbergen, dass der Autor die Polen und ihren Freiheitskampf im Stillen bewundert. Seine Angaben haben ihren Wert für die Kriegshistoriker bis heute nicht verloren. Am Ende aber kommt er zu einer philosophischen Verallgemeinerung, woraus ich einiges zitiere, weil das für alle Zeiten so aktuell klingt:
"Allgemein kann man wohl sagen, dass dieser Krieg eigentlich nur eine kriegerische Jagd war /…/ Der Pole ist ein guter Soldat und eifrig für sein Vaterland eingenommen, welches er sogar im gemeinen Leben oft durch lächerliche Prahlereien zu beweisen sich bemüht. Allein hier konkurierten verschiede Ursachen, um die Überwindung einer Nation zu erreichen, die unter verschiedenen Königen und Feldherren in der Geschichte geglänzt. Der Parteigeist hatte die Häupter ergriffen und den Gedanken des allgemeinen Besten verdrängt. Jeder sorgte nur allein für sich und sein Interesse. Der König wankte ohne Selbständigkeit und wurde von den grossen Familien beneidet. Der Krieg oder vielmehr die Revolution wurde angefangen, ohne dass man berechnet hatte, womit sie ausgeführt werden sollte und was die Folgen sein konnten. Jeder Einzelne glaubte sich geschickt, Heerführer sein zu können. Alles wollte befehlen, keiner gehorchen. Der geschickte Mann wurde hinten an gesetzt und nicht gehört, weil er nicht Magnat oder aus einer alten Familie war. Die Truppen, selbst die sogenannten regulären waren schlecht exerziert und ohne Disziplin. Der grösste Teil der Infanterie war mit Piken und Sensen bewaffnet oder zum Dienst gezwungene Bauern, die sich nach Hause sehnten und bei der ersten Gelegenheit davon liefen. Die Generäle hatten meistens nie gedient und waren unter sich stets uneins. An hinlängliche Magazine war nicht gedacht. Geld, das erste Mobil im Kriege, fehlte gänzlich /…/ Ihre Artillerie war schlecht und wurde noch schlechter bedient. Die ziemlich gut berittene Kavallerie hat nie der unseren wiederstehen können, weil sie nicht gehörig exerziert, ihre Bewegungen langsam machte und viel Zeit durch Schiessen verlor.
Solchen Truppen setzten wir von einem glorreichen Feldzug zurückkehrende, an Strapazen und pünktlichen Gehorsam gewohnte Truppen entgegen /…/ Die strengste Subordination, diese alles belebende Seele des Militairs herrschte bei uns. Ohne sie kann kein Heer bestehen. Der Soldat, der Offizier unterer Grade muss blindlings folgen und nicht urteilen und raisonnieren. Man zitiere mir nicht einige wenige Beispiele, wo die Übertretung eines Befehls etwas gutes gewirkt…".
Ich habe mich der langen Zitate nicht enthalten können, um uns alle nochmals zu überzeugen, dass man aus der Geschichte seit Jahrhunderten nichts gelernt hat und dass der Trieb eines jeden Erdensohns, "sich über andere erheben zu wollen", nach wie vor alles Gute verdirbt.
Wollen wir jetzt auch Campenhausens Hauptwerk etwas näher betrachten. Hier müssen wir seinen unzeitigen Tod beklagen, weil er in der Vorrede spricht, diese Bemerkungen seien nur "ein Auszug aus einem grösseren, in französischer Sprache verfertigten noch ungedruckten Werke, welches mit vielen Charten und Zeichnungen versehen ist."
Der Autor meint, in diesen Nachrichten über einige wenig bekannte russische Provinzen habe er manches angeführt, was von anderen Schriftstellern übersehen oder absichtlich übergangen worden ist. Er spreche nur darüber, was er selbst gesehen oder von glaubwürdigen Männern gehört. Weiter schreibt er: "Die Geschichte der Zaporoger Kosaken und Raskolniken ist, soviel ich weiss, noch nicht bekannt. Die der Moldau habe ich aus dem Archiv in Jassy selbst entlehnt. Ein Zufall verschaffte mir im letzten Kriege mit den Türken die Gelegenheit, verschiedene Rechnungen der Bester dazubekommen, und diese setzten mich in den Stand, dass ich die Einkünfte des Sultans so ziemlich genau angeben konnte."
Die hier genannten Themen bieten viel interessantes und konkretes Material, was zum Teil noch heute unbekannt bleibt. Aber weil das Buch in erster Reihe für die Ausländer geschrieben ist, deren Vorstellungen über Russland am Anfang des 19. Jahrhunderts äusserst gering waren, so ist die erste Abteilung - 40 Seiten von 200 - "einigen geographischen Betrachtungen, Russland überhaupt betreffend" gewidmet. Hier werden in zugänglicher Form die Grösse, Grenzen und Klima erörtert, alle wichtigsten Meere, Sees, Flüsse und Gebirge kurz charakterisiert. Auch alle Nationen, nach der Teilung der Akademie der Wissenschaften in 15 Völkergruppen geteilt, werden aufgezählt.
Zur Einführung der zweiten Abteilung schreibt der Autor:
"Jetzt komme ich auf die versprochene Beschreibung einiger Provinzen, die ich selbst genau kennen gelernt.Mein richtig geführtes Tagebuch soll mir als Leitfaden dienen, da ich aber nicht stark in der Naturgeschichte bewandert bin, so wird man einen alten Offizier leicht entschuldigen, wenn er hin und wieder in der Nomenklatur fehlen sollte, besonders da ich in den Jahren, als ich diese Provinzen bereiste, mir die gehörigen Bücher nicht anschaffte. Für die Richtigkeit der russischen Benennungen stehe ich, aber nicht so für die lateinischen."
Verzeihen wir dem Pierce diese nicht ganz bescheidene Anspielungen. Wirklich, nebst Angaben über Flora und Fauna sind immer die lateinischen Namen angeführt. Natürlich sind die Beschreibungen nicht sehr ausführlich, doch hinlänglich, um dem Leser allgemeine Vorstellung zu geben. Das Hauptinteresse aber bieten die trefflichen Schilderungen der Städte und Flecken, der Sitten, Gebräuche und Sprachen der Einwohner. Campenhausen hatte recht: er hat vieles gefasst, was noch keiner gemerkt hatte. Der Wert solcher Beobachtungen, besonders unter den Raskolniken oder Kosaken, aber ebenso in Moldau und in der Krim besteht darin, dass sie schon einige Jahre später nicht gemacht.werden könnten; aber nach 30 Jahren hat Puschkin in denselben Gegenden ein ganz anderes Leben vorgefunden. Puschkin, dem Kantemir folgend, meinte und sprach in seinen Briefen und Gedichten mehrmals aus, dass seine Verbannung eben in dem Lande stattfinde, wo der vom Imperator August verbannte römische Dichter Ovid sein Leben im Jahre 18 beendet hatte.
Auch Campenhausen hat seine Meinung über Ovids Verbannungsort ausgesagt und zeigt hier seine volle Gelehrsamkeit, Belesenheit und Kenntniss der lateinischen Sprache. Er hat sehr aufmerksam des Dichters einige Schriften gelesen und kommt zur Schlussfolgerung: "Meiner Meinung nach kann weder Tomiswar bei Warna noch Akerman sein Aufenthalt gewesen sein, sondern ich glaube vielmehr, dass er in einem Orte gegen Süden am Donauufer in der Gegend von Tulschana, dem alten Achillea, wo jetzt Kilia steht, verbannt gewesen. Dort, und nicht wo Tomiswar bei Warna liegt, ist die Stelle des alten Tomi. Solche Verwechslungen der Namen findet man häufig, und sollte Ovid durch das Wort Tomos die ganz Tomitanische Provinz gemeint haben, so wird meine Meinung noch mehr bestätigt. Dort am Ufer der Donau wohnend konnte Ovid alles das von den Barbaren sagen, was er gesagt hat."
In dieser Sache hat Campenhausen scheinbar keinen Widerklang gefunden. Jedenfalls ist Tomis (Konstanza) am Schwarzen Meer als Ovids Verbannungsort heute allgemein und zweifellos anerkannt. Doch beweist diese Stelle des Buchs nicht nur Campenhausens Kenntnisse, sondern auch sein Forschertalent und selbständiges Denken, was auch an einigen anderen Stellen zu beobachten ist.
Ganz unbemerkt schlägt die Schilderung der Städte und Natur in der Krim und Moldau zu den Erinnerungen des Türkenkrieges über. Es wird nicht eigentlich vom Kriege gesprochen, sondern der Autor erzählt von Art und Lebensweise der Türken, schildert die Begegnungen und Empfänge bei den Würdenträgern, bringt Angaben über die Einnahmen und Ausgaben des Sultans nebst scharfsinniger Analyse, alles gewürzt mit interessanten Beobachtungen.
Kein Wunder, dass dieses Büchlein in Deutschland Interesse erweckte und Merkels "Zuschauer" darauf aufmerksam machte. Auszüge davon erschienen nach dem Tode des Autors im VI Bande der "Interessanten Länder- und Völkerkunde" von J. B. Schütz, Wien 1809.
Unser Held hat keine bedeutende Spur in der Geschichte oder Literatur hinterlassen. Sein Schicksal aber hat uns diese Zeit und die heftige Auseinandersetzung der Aufklärungsideologie und des Hochkonservatismus des Ostseeprovinzenadels vielleicht etwas näher gebracht. So wie er oder ungefähr so wurden im 17. Jh. die meisten jungen Livländer vom Stande erzogen, da es in Russland fast nur militärische Lehranstalten und die erst 1755 gegründete Moskauer Universität gab.
Wir konnten uns nochmals überzeugen, dass Goethe recht hatte, sagend: "Wo du auch ins Menschenleben greifst, da ist es interessant." Ein schöpferischer, talentvoller Mensch mit seinen Hoffnungen und Bestrebungen, selbst wenn er diese nicht durchsetzen konnte und seine Kräfte, wie er wohl selbst gemeint hat, unnütz versickerten, verdient doch unsere Achtung und ein wenig Mitleid.