Friedrich von Gebler als Altaiforscher
Ott Kurs
Es war im August 1983. Wir, zwei Lehrer und 25 Studenten der Universität Tartu (Dorpat), nahmen an der Exkursion im Altai teil. Vor uns erhob sich der gewaltige Gebirgszug mit scharfen Spitzen - der hochste Teil des Altaigebirges. Das Ziel unserer Wanderung war der Abhang des Berges, der verschiedene Namen hat. Im Russisch klingt es Belucha, im Kasachisch Mustau (Eisberg), im Altaisch Kadyn-Baschy (Katunkopf). Endlich, nach der dreistündigen Kletterei, erreichten wir den Gletscher, der einen deutschen Namen trägt. Das ist der Gebler-Gletscher. So machten wir Bekanntschaft mit diesem gabeligen Gletscher, aus dem der Katunfluß beginnt. Das ist einer von zwei Ausgangsflüssen des Obs.
Jetzt will ich mich an den Entdecker des Gletschers erinnern. Friedrich von Gebler wurde am 15. Dezember 1782 in der Kleinstadt Zeulenroda, Fürstentum Reuß in Sachsen, geboren. Anfangs lernte er zu Hause, später im Lyzeum Greiz. Mit 16 Jahren bezog er die medizinische Fakultät der Universität Jena. Wie es damals üblich war, studierte er dort auch Naturwissenschaften. Gebler absolvierte das Studium mit dem Doktorgrad im Jahre 1802. Danach praktizierte er als Arzt in Zeulenroda, Greiz und Dresden.
Einmal las Gebler in der Zeitung, daß man in Russland Ärzte braucht. Er fuhr nach St Petersburg, wo er 1809 an der Mediko-Chirurgischen Akademie das nötige Examen bestand. Nach seinem Wunsch bekam Gebler einen Posten im Altai. Im nächsten Jahre siedelte er nach Barnaul über, wo er ununterbrochen bis 1816 arbeitete. Dann zog er für einige Monate nach St. Petersburg. Danach arbeitete Gebler im Hospital an der Salairgrube, in der Nähe vom Altai. Im Jahre 1818 liess er sich endgültig in Barnaul nieder. Dort bekam er 1820 die Amtstelle des Inspekteurs der Hospitale und Apotheken des Kolywansche-Woskressensken Bezirkes. Im Jahre 1836 nahm er die russische Staatsbürgerschaft an. Wegen der Krankheit pensionierte er sich 1849. Friedrich von Gebler starb am 9. März 1850.
Also arbeitete Gebler im Altai als Arzt. Aber die Mussestunden widmete er den naturwissenschaftlichen Forschungen und Sammlungen. Schon auf dem Wege nach Altai im Jahre 1810 untersuchte er Vegetation und Fauna der Kirgisensteppe Kasachstans und besuchte die Salzseen Baskuntschak und Elton. Gebler hatte auch Beziehungen zu vielen Naturwissenschaftlern.
1826 organisierte der Professor der Pflanzenkunde der Kaiserlichen Universität Dorpat Carl Christian Friedrich von Ledebour (1785-1851) in Begleitung der Wissenschaftler Carl Anton Meyer und Alexander von Bunge (1803-1890) eine Forschungsreise nach Altai. In der Einleitung zu seinem Buch "Reise durch das Altai-Gebirge und die soongorische Kirgisensteppe" (Berlin, 1829) schrieb Ledebour folgendes: "Für die Entomologen werden die dem Ganzen angehängten Bemerkungen über die Insekten Sibiriens, nebst namentlicher Anführung der im Kolywanschen Hüttenbezirk gefundenen, und Beschreibung der neuen dort vorkommenden Arten, welche mir von Herrn Staatsrath von Gebler, als Frucht vieljähriger Beobachtung, mitgetheilt sind, nicht ohne Interesse seyn".
1829 unternahm Alexander von Humboldt (1769-1859) in Begleitung des Mineralogen Gustav Rose (1798-1873) und Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) auf Einladung der russischen Regierung eine Reise nach dem asiatischen Russland. In Barnaul besuchte Humboldt zweimal auch Gebler.
Eine wichtige Rolle für die Unterstützung der Bestrebungen von Gebler spielte die Gesellschaft der Naturalisten zu Moskau, zu deren Mitglied er im Jahre 1815 gerufen wurde. 18 von den wichtigsten Arbeiten Geblers wurden von der Gesellschaft abgedruckt. Besonders erfolgreich waren Geblers Untersuchungen in den 1830er Jahren. Über seine Forschungsreisen im Altai schrieb er selbst so: "Der Wunsch, mich genauer mit diesem Gebirge, seiner Beschaffenheit, seinen Flüssen und heissen Quellen, mit seinen Naturschätzen und Bewohnern bekannt zu machen, veranlasste mich in den Sommern 1833, 1834 und 1835 einige dienstfreie Wochen zu Besuchen desselben zu benutzen".
Im Sommer 1833 untersuchte Gebler die heissen Quellen im südlichen Altai. Ein Jahr später veröffentlichte er in Tartu (Dorpat) seine Arbeit "Ein Blick auf die heissen Quellen im Russischen Altai und ihre Umgebungen" (Dorpater Jahrbücher für Literatur, Statistik und Kunst, besonders Russlands. Dritter Band). Dorpat war damals der Mittelpunkt der geographisch-geologischen Erforschung Russlands. Aus den Blättern dieser Arbeit geht hervor, daß Gebler im Banne der Alpenlandschaften des Altais war: "Hier genossen wir endlich bei heiterm Wetter die herrliche Aussicht auf das Katunische Schneegebirge, das sich im N. O., die hohe Belucha (Weißberg, weiße Koppe, wie Sinúcha, blaue Koppe) in seiner Mitte, stolz über alle andern Berge erhob. Die Belucha (der Name Katunsche Säulen, wie v. B u n g e sie nennt, ist hier wenig bekannt) ragt hoch über das ganze Gebirge hervor, und prangt mit glänzend weissem Schnee, zwischen dem nur wenige schmale Felsenriffe nach den Gipfeln sich hinziehn. Sie bildet zwei steilige, spitzige, durch einen das übrige Gebirge an Höhe weit übertreffenden, horizontalen Bergrücken verbundene Kegel, wahre Alpenhörner; das westliche senkt sich in schiefer Linie zu dem übrigen Gebirge herab; das östliche von hier aus betrachtet, bildet vorher nahe unterhalb jenes Bergrückens eine sattelförmige Vertiefung und Erhöhung. Noch unbestiegen ist dieser hehre Kolss, denn die Versuche eines muthigen Jägers, der dies wagte, verunglückten wegen der breiten und tiefen Spalten im eisigen Schnee des Berges". So war es damals.
Nach den Erforschungen im höchsten Teil des Altaigebirges erschien in den "Memoiren der Akademie der Wissenschaften St. Petersburg" in 1837 die umfangreiche Arbeit von Dr. Friedrich Gebler "Uebersicht des Katunischen Gebirges der hoechsten Spitze des Russischen Altai". In der Untersuchung gibt es eine ausführliche Beschreibung der Natur und Bevölkerung dieser Gegend. Nebst der Arbeit ist eine Karte mit den Gletschern von Belucha. Einen davon nennt man heute also den Gebler-Gletscher. "Dieser zieht sich in zwei, durch eine breite Felsenwand getrennten, breiten, schroffen Streifen von Firne der Belucha, genauer, von der Westseite des vorhin erwähnten Felsenkamms in südwestlicher Richtung herab; sie vereinigen sich am Fusse der Wand und gehen dann, weniger steil, ins Thal der Katunj herab, das sie ganz ausfüllen" (Gebler 1837: 468). Weiter schrieb er so: "Auf dem Glätscher und seiner Moräne fand ich weder Pflanzen oder Pflanzentheile, noch andere Zeichen von lebenden Wesen, als einige dem Anscheine nach sich wohl befindende Spinnen und die Produkte der Verdauungskraft eines Bären auf letzterer. Seine Umgebungen werden, so viel ich bemerken konnte, nur von einzelnen Bären und Hirschen, häufiger aber Bobaks und Steinhasen (Arctomys bobac und Lagomys alpinus) bewohnt; letztere nisten selbst in der alten Moräne und hier findet man die schwarze Abart derselben häufiger, als anderswo. Von Vögeln sah ich in seiner Nähe einzelne Steinkrähen (Corvus graculus), von Insekten Spinnen und einige Fliegen. Die Flora ist auf den Berge und im Thale zunächst am Glätscher grösstentheils alpinisch und subalpinisch." Und er zählt 50 Pflanzen auf, die hier Mitte Juli blühen (Gebler 1837: 473).
Diese Untersuchung von Gebler bekam den höchsten Preis der Akademie der Wissenschaften St Petersburg - die Demidow-Prämie. Schon 1833 wurde Gebler zum korrespondierenden Mitglied der Akademie gewählt. Er war auch das wirkende Mitglied der Landwirtschaftlichen Gesellschaft zu Moskau und der Russischen Geographischen Gesellschaft.
Gebler begründete 1823 in Barnaul ein naturhistorisches Museum. Reiche Sammlungen in mehreren Abteilungen stellten Sibirien, seine Einwohner, ihre Tracht, seine Flora und Fauna, Gräberfunde und Mineralien dar. Die Modelle der wichtigsten Gruben- und Bergbaumaschinen waren an Ort und Stelle angefertigt worden. Die farbigen Steine des Museums stammten aus Katharinenburg (Jekaterinburg). Besonders grösse waren entomologische und botanische Sammlungen. Die entomologischen Kollektionen brachten Gebler die Anerkennung auch im Ausland. Er wurde Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften in Deutschland (Mainz, Jena, Stettin) und Frankreich. Seit 1849 war er Ehrenmitglied der Gesellschaft "Lotos" in Prag. Leider ging dieses Museum am Anfang des XX. Jahrhunderts zugrunde. Auch der Friedhof mit dem bescheidenen Grabmal von Doktor Friedrich (auf Russisch: Feodor Wilchelmowitsch) Gebler in Barnaul existiert schon lange nicht mehr. Die Nachkommen des Arztes und Naturwissenschaftlers leben doch an verschiedenen Orten Russlands.
Der Name Gebler ist also im Altai verewigt. Seinen Namen tragen auch mehrere Käferarten (Carabus gebleri F. W., Thyestilla gebleri F. W., Hylobius gebleri Boh., Eurydema gebleri Kol.). Auch zwei Gattungen und 15 Arten der Pflanzen sind nach Gebler benannt.