WIE WAR ES



GEORG von KRUSENSTERN UND SEINE TÄTIGKEIT IM EINSATZSTAB ROSENBERG

(1941-1942)

Malle Salupere, Tartu


Der Zweite Weltkrieg brachte mit dem Barbarossa-Plan mehrere Deutschbalten in ihr nur vor zwei Jahren verlassenes Heimatland zurück. Die meisten waren bei der Armee (oft als Dolmetscher) angestellt, aber es gab auch eine Menge Mitarbeiter des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg für die besetzten Gebiete. Wie bekannt, stammte Alfred Rosenberg aus Estland, lernte in der russischsprachigen Realschule in Tallinn (Reval), erhielt seine unvollendete technische Bildung im Rigaer Polytechnischen Institut und begab sich schon 1918 nach Deutschland.

Unsere Interesse gehört heute dem Mann, der am Johannistag 1999 hundert Jahre alt gewesen wäre, und der sich für die estnische und deutschbaltische Kulturgeschichte einige Verdienste erworben hat. Er hiess Georg von Krusenstern (Krusenstjern) aus dem Stammgut Haggud (Hagudi) und war ein Grossneffe des berühmten Weltumseglers (1803-1806) Adam Johann von Krusenstern. Von dem Beruf ein Ingenieur, seiner Berufung nach ein Forscher und Sammler heimat- und sippenkundlicher Materialien. In erster Linie waren es Materialien über baltische Adels- und Gütergeschichte, was eine grosse Auswahl Fotos und Fotonegative mit Abbildungen der Güter, ihrer Umgebung und Interieurs, mit Familienportraits und Aufnahmen der baltischen Adeligen und ihrer Familienmitglieder einschliessen. Sein grosser, bis ans Lebensende fortgesetzter Datenspeicher hat ihn zum Mitherausgeber des für jeden Baltikumforscher unverzichtbaren Nachschlagewerks "Deutschbaltisches biographisches Lexikon (1710-1970)" qualifiziert. Dieser Nachlass befindet sich heute in Marburg.

Die Ausfuhr des kostbaren Kulturgutes und der Archive war eigentlich verboten, deswegen liess Krusenstern während der Umsiedlung der Deutschbalten im Herbst 1939 in Estland ein gutgeordnetes Familienarchiv, das sich heute in Tartu (Dorpat) im Estnischen Historischen Archiv (EHA, Bestand 1414) befindet und einen interessanten Zusatz von Papieren enthält, die offensichtlich vom Georg von Krusenstern selbst, vermutlich Anfang 1943 (Datierungen gehen bis Mitte Januar 1943) dort gelassen war. Aus welchen Gründen - können wir nur vermuten.

Es handelt sich um Dokumente und tagebuchähnliche Aufzeichnungen über die Tätigkeit der "Arbeitsgruppe zur Sicherstellung der sippenkundlichen Materialien in besetzten Ostgebieten", deren Initiator und Leiter Krusenstern gewesen ist. Das ist ein Beispiel dafür, wie er die Nazi-Ideologie zur Fortsetzung seiner früher angefangenen sippenkundlichen Arbeiten und damit zur Erhaltung des Kulturgutes benutzt hat.

Schon am 11. Juli 1941, d.i. drei Wochen nach der Kriegserklärung an Russland haben Georg von Krusenstern und Dr. Helmuth Speer in Posen den Vorschlag zur Aufnahme der sippenkundlichen Arbeiten im Baltikum und in Russland eingereicht (EHA B. 1414,Verz. 2, A. 307, Bl.9-11). In der Einleitung schreiben sie: " Durch den Krieg mit Russland ergibt sich die Möglichkeit, jahrzehntelang unzugängliches sippenkundliches Material zu erschliessen, dessen Fehlen die deutsche Sippenforschung bisher auf das Schwerste behindert hat.

Es ist notwendig, die damit in Verbindung stehenden Arbeiten s o f o r t in Angriff zu nehmen" (s. daselbst).

Zu der weiteren Begründung wird eine Einteilung des riesengrossen russischen Raumes vorgeschlagen, mit Benennung der möglichen Bearbeiter, wobei Speer und Krusenstern für sich den "erweiterten Baltischen Raum mit Petersburg" vorbehalten.

Schon den 8. August wird dieser Vorschlag in Berlin bestätigt. Die eigentlichen Richtlinien dazu sind nicht vorhanden, wohl aber eine "Ergänzung zu den Richtlinien für die Sicherung der sippenkundlichen Quellen in den neuen Ostgebieten" vom 28. August 1941 (1414 - 2 - 301 - 9). Hier wird unterstrichen, dass alle genealogischen Materialien, nicht nur die der deutschen Gemeinden aufbewahrt werden sollen. Die wichtigsten Gründe dafür sind:

" 2. Etwa 2 Millionen Reichsdeutscher, die aus den östlichen Gebieten stammen, haben unter ihren Ahnen solche fremden Volkstums. Es muss bei der Führung des Abstammungsnachweises also auch im grossen Umfange auf nichtdeutsche Register zurückgegriffen werden.

4. Es ist beabsichtigt, rassisch wertvolle Elemente fremder Volkszugehörigkeit einzudeutschen. Man rechnet im allgemeinen mit 10% der gesamten Bevölkerung fremder Volkszugehörigkeit, die für eine Eindeutschung in Frage kommen. Die Quellen über die Vorfahren dieser einzudeutschenden Elemente müssen erhalten und zugänglich bleiben" (s.daselbst).

Am 29. August ergeht an die Gefolgschaft der Hauptarbeitsgruppe Estland ein Aufruf - zwei Seiten in Maschinenschrift, wo es unter anderem heisst: "Das Schicksal hat uns Deutsche nunmehr bestimmt, die Führung Europas zu übernehmen /.../ Unser Auftrag ist durch das Kriegsgeschehen bedingt und darf daher nach aussen insbesondere nicht der einheimischen Bevölkerung gegenüber bekannt werden /.../ Wir befinden uns im Feindesland /.../ Diese Gemeinschaft wird uns zu den allerbesten Leistungen befähigen, die wir dem Führer und Alfred Rosenberg schuldig sind" (daselbst, Bl. 10-11).

Die Richtlinien oder Ziele des Einsatzstabes sind doch nicht eindeutlich klar formuliert gewesen, deshalb befindet sich in den Papieren ein Entwurf dieser Aufgaben vom 4. August 1942 (s. Beilage).

Die Hauptarbeitsgruppe Estland bestand aus 23 Personen, unter denen fünf Frauen, und war dem Reichshauptstellenleiter Utikal und dessen Stellvertreter, dem Oberregierungsrat Griesdorf unterstellt. Letzterer galt als direkter Chef, während Utikal sich in Berlin aufhielt. Wir konzentrieren uns nicht auf die geheimen Aufgaben der Arbeitsgruppe und des Einsatzstabes überhaupt, sondern auf die offenbar absichtlich im Archiv gelassene Dokumentation.

Krusenstern und Speer haben ihre Aufgaben sehr ernst genommen. Ein grosses Teil der Materialien dieser Schicht enthält Eindrücke von den Reisen durch ihr Bezirk von der Insel Ösel (Saaremaa) bis zu den Zarenschlössern im Raum vor St.Petersburg bis nach Novgorod. Dabei ist häufig von Archiven und Pfarrämtern die Rede, aber auch von Kulturschätzen und Kulturgut allgemein. Nebenbei zu bemerken, war ja die "Aufhebung" der Kulturschätze auch eine von derartigen Hauptaufgaben der Arbeitsgruppe, welche nach aussen nicht bekannt werden durften und wo "die Verstösse gegen die Geheimhaltung nach den Kriegsgesetzen besonders scharf bestraft" werden sollten.

Von besonderer Interesse ist der Besuch Krusensterns in Novgorod Ende November 1941, wo die zu mehr als 90% vernichtete mehr als tausendjährige Stadt von der spanischen Blauen Division besetzt war. Deswegen konnte man offenbar ganz offen die von den Soldaten angerichtete Verwüstung des unschätzbaren Kulturgutes im heilgebliebenen Kreml und der berühmten Sophienkathedrale aus XI Jahrhundert, wo die Division untergebracht war, beschreiben. /s. Aktenvermerk vom 26.-27. November/ (1414 - 2 - 308 - 13-15) und "Expedition nach Russland", S. 24-29 (1414-2-122) . Bei den Zarenschlössern in Peterhof, Pawlowsk und Zarskoje Selo wird hauptsächlich von Kriegsschäden gesprochen, aber auch erwähnt, dass die Sowjets vieles evakuiert hätten. Zu den anschliessenden deutschen "Evakuierungen" heisst es u.a.:" der Beauftragte für Kunstschatz des rückwärtigen Heeresgebiets Nord, Rittmeister Graf Solms" hat viele Eisenbahnwaggons Kunstgegenstände, darunter auch das bis heute vermisste Bernsteinkabinett nach Königsberg gebracht. Das übrige haben die hiesigen Militärstellen sich "wegorganisiert".

Doch hat Krusenstern auch von seiner Bekanntschaft mit dem russischen Architekten Jermoschin , der seit 30 Jahre die Reparaturen in Zarskoje Selo leitete, berichtet: "Er ist tief erschüttert über die heute herrschenden Zustände und kämpft mit bescheidenen Mitteln einen erbitterten Kampf gegen die Pietätlosigkeit unserer Soldateska" (1414 - 2 - 122, unpaginiert).

Diese Pietät hatte, schreibt Krusenstern, der bescheidene Schlosskommandant und Kunstkenner in Pawlowsk Hauptmann Guttmann zu erhalten gewusst. Dieses Schloss mit allen seinen Kunstwerken sei noch völlig heil, abgesehen davon, was die Sowjets weggeführt hätten. Solms sei noch nicht dagewesen...

Dem Graf Solms begegnen wir in Aufzeichnungen Krusensterns öfters auch in Estland. Es scheint eine gewisse Rivalität bestanden zu haben, weil Solms unabhängig von dem Einsatzstab handelte und eben deshalb schreibt Krusenstern gern darüber, was dieser weggeraubt habe, nie aber über eigene vergleichbare Handlungen. Zum Beispiel gibt es ein Aktenvermerk "über den Verbleib des Kulturgutes des Juden Genss", wo Graf Solms das Wertvollste weggebracht habe. 180 Schmuckbände der Bibliotek mit Werken der deutscher Klassiker hat der Gebietskomissar von Dorpat Kreisleiter Mehnen zum Ausfüllen der Schränke seines Kabinetts genommen. Obwohl die Kunstsammlung ins Kunstmuseum kommen sollte, hat es sich im April 1942 herausgestellt, dass alles Wertvolle verschwunden ist (1414 - 2 - 121, Aktenvermerk Nr 84, unpag.).

Ziemlich interessant ist das Aktenstück Nr. 121 - Aktenvermerke, das diverse Berichte enthält: von Beschreibungen des Zustandes und Kriegsschaden der estnischer Städte und Flecken bis hin zu Charakteristiken der bekanntesten Schriftsteller, und eine Übersicht "Die estnische Presse über die Befreiung Estlands vom bolschewistischen Joch im Sommer 1941". Ein Mitglied der Arbeitsgruppe Peucker macht darauf aufmerksam, dass auffällig häufig in Jahrestagsberichten und Erinnerungen von den "Waldbrüdern" und ihren Heldentaten gesprochen werde, was dem Volk beibringen solle, dass es den deutschen Soldaten nichts zu verdanken habe.

Natürlich gibt es viel Material über Besuch von Pfarr- und Standesämter, Archiven und Museums, über ihre Zustände und Verwaltung und Sicherstellung der Materialien. Oft geht es darum, zu retten, was noch zu retten ist. So z.B. wenn Kirchenbücher und Dokumente aus dem Schutt gesammelt, gesäubert und inventarisiert werden. Dasselbe ist auch mit verloren geglaubtem Kulturgut der Umsiedler geschehen. Es waren offensichtlich ihre vom Ausfuhrverbot betroffenen Schätze in der deutschen Gesandtschaft zurückgelassen, die niedergebrannt war,so dass man glaubte, es wäre alles vernichtet (was die Anstecker wohl beabsichtigt hatten). Krusenstern fand jedoch in den Trümmern zwei vom Brande verschonte Keller, "die bis an die Decke mit in Unordnung gestapelten Gemälden und Gegenständen angefüllt waren". Es erwies sich, dass die Kisten mit Silber und Wertsachen leergeraubt waren, wobei die Bilder und Archivalien oft zertreten und mehr oder weniger beschädigt waren. Alles wurde aufgehoben, gesichtet und restauriert. Unter 215 Gemälden befanden sich, nach Krusenstern, zahlreiche Werke grosser Meister (1414 - 2 - 121 - Aktenvermerk Nr.87 vom 11. Oktober 1941). Das dürfte zutreffen, weil nur wertvolle Kunstwerke nicht ausgeführt werden durften.

Es ist unmöglich, an dieser Stelle über alles zu berichten, was diese bislang unveröffentlichen Materialien enthalten. Bezeichnend für den Geist dieser Handlungen ist einerseits die Hinterlassenschaften der deutsch-baltischen Ritterscaften zu erhalten und zu restaurieren. Jedoch hatte dieser Geist eine Kehrseite. Da ist z.B. die detaillierte Beschreibung des Weges aus Posen über Riga bis Novgorod im September-November 1941 mit allem, was dabei geschehen, wo geschlafen, wo und was gegessen und wieviel dafür bezahlt wurde (1414 - 2 - 122, unpag. 75 S. in Maschinenschrift ohne Interval). Auch in diesem Zusammenhang wird genau über Zustände, Umstände, Kriegsschaden, vernichtetes und noch erhaltenes Kulturgut, aber auch über die Modalitäten der Judenvernichtung berichtet.

Während des Aufenthalts in Riga, in Erwartung des weiteren Vormarsches der deutschen Truppen nach Estland schreibt Krusenstern am 7. September: "Etwas, woran ich mich nicht gewöhnen kann und was mir jeden Tag von neuem auffällt, sind die Juden. Alle Juden in Riga, und Riga hatte doch sehr viele und meist sehr reiche und vornehme Juden; sie hatten noch hier den grössten Teil der Industrie und des Handels in der Hand, - müssen jetzt auf der Brust und dem Rücken einen grossen gelben Stern tragen und sie dürfen nicht auf dem Bürgersteig gehen, sondern nebenbei auf dem Fahrdamm... Ich knipse sie immer wieder, es sieht zu fremd und originell aus, wenn solche fette Juden, gut gekleidet oder elegante ältere und jüngere Damen so längst den Strassen laufen, ebenso Kinder und Schulkinder. Sie sind aber ganz unbekümmert und es scheint ihnen nicht viel auszumachen! Ehrgefühl kennen sie ja nicht!

Einen grossen Teil der Juden haben die Letten selbst in wilder Wut totgeschlagen, unsere Propaganda hier trägt ja auch noch dazu bei. Der Judenhass ist hier allgemein und ganz unbeschreiblich! Es wird schon am Ghetto in der Moskauer Vorstadt gearbeitet und bald hört dieses nette Bild auf den Strassen auf und sie kommen alle da hinein. Den Juden sollen schon ganze Zimmer voll Gold, Silber, Edelsteinen, Pelzwaren und Schmuck von enormen Wert abgenommen worden sein. Man ahnt nicht, wie sie hier 1939 die Umsiedler begaunert und erpresst haben, alles haben sie ihnen damals an guten Sachen abgeluchst" (1414-2-122, Bl. 10).

Weiter heisst es am 6. September:

"Ich bekam am Morgen 8 Juden, vier Damen und vier Jünglinge mit gelben Sternen auf Brust und Rücken, begab mich per Auto in unsere neuen Gemächer /gewesene Judenwohnungen - M.S./ und hatte die ankommenden Möbel und sonstige Requisiten zu empfangen und zu inventarisieren. Die Juden trugen herein, klopften, wuschen und säuberten die ankommenden Gegenstände, waren ungeheuer dienstbeflissen. Speer fuhr mit anderen Kameraden und einem lettischen Schutzpolizisten, der sehr dabei war, in Möbelstapellager und jüdische Wohnungen, wo sie auswählten, was wir brauchen konnten. Da kamen elegante polierte Nussholz- und Rotholzbetten, Schränke,Toiletten, Nachttische, Sofas, Couches, Esstische, Wanduhren, Stühle, Büromöbel, etwas Wäsche, Matrazen und dergl. Alles musste natürlich noch stark desinfiziert werden und wird gewaschen und gescheuert. Unsere Damen waren auch dabei und schalteten und walteten mit den Jüdinnen in der Küche und in den Zimmern und freuten sich über jedes elegante Möbelstück, das ich ihnen zuerkannte. /.../

Wir assen gut zu Abend und machten dann zu dritt einen schönen grossen Spaziergang längst dem Dünaquai und später bei warmem Vollmond durch die Parks und Anlagen Rigas, die trotz der verflossenen Bolschewikenzeit recht hübsch sind. Der ganze Dünaquai weist recht sichtbare Spuren schwerer Kämpfe auf. Die Hälfte aller Gebäude und Zäune sind von grossen und kleinen Geschossen angetrümmert /.../. Unzählige sowjetische Gefangene arbeiten von früh bis spät an Aufräumungsarbeiten in der ausgebrannten Altstadt, stapeln Ziegelsteine usw. So dass die Ruinen von Tag zu Tag zusammenschmilzen und verschwinden und überall leere Plätze entstehen. Die Spuren des Krieges verschwinden also zusehends" (daselbst, Bl.12). /.../

Riga, den 10. September 1941.

Montag /d. 9. Sept. -M.S./ war mir eine ganz unerquickliche Arbeit zugedacht worden: ich wurde mit Frl. Pirson mit einem Wagen ganz weit in das Judenviertel der Marienstrasse geschickt, wo in einem grossen, fast nur von Juden bewohnt gewesenen Hause, in einer Wohnung alle Sachen, ausser Möbel aus diesen Wohnungen zusammengetragen worden waren. Die Juden waren selbst bei Mitnahme eines Bündels ins in Errichtung befindliche Ghetto in der Moskauer Vorstadt vertrieben. Der Anblick, den diese Wohnung bot, war toll: in allen Zimmern waren alle nur mögliche Gebrauchsgegenstände nahezu bis zur Decke aufgestapelt oder in Körben und Koffern verpackt. Körbe und Koffer brauchten wir jedoch, um die für uns erforderlichen Dinge einzupacken, so dass die auch noch ausgepackt werden mussten. Für unsere Gemeinschaftswohnung brauchten wir nun etwa 50 bis 75 Paar Laken, Kissenbezüge,Tischtücher,Servietten, Handtücher, Servise, Küchengeschirr, sonstige Tischdecken, Deckchen, Spiegel, kurz alles, was in einer guten Wohnung notwendig ist, um sie zu benutzen und gemütlich zu finden.

Diese Arbeit war mir recht unangenehm und eine Schweinerei. Die Wäsche war zum Teil direkt aus den Betten, das Essgeschirr ungewaschen aus Küche und Speisetisch hierher nach unten gebracht worden. Es musste aber trotzdem alles sortiert und gesichtet werden. Uns zur Hilfe hatten wir vier Judendamen und vier Jünglinge, alles aus besseren Kreisen. Bezeichnenderweise und zum Glück waren oder taten sie weder pikiert noch gekränkt, sondern überboten sich in Eifer, ja Loben und Anbieten von verschiedenen Gegenstände für unseren Haushalt! Ehrgefühl haben diese Leute ja nicht, sie lachten viel und schienen obenauf! Sie packten die Teller und Tassen mit viel Geschick ein und trugen die Sachen ins Auto, das immer hin und her fuhr. Was gab es da alles, was wir in die Wohnung schickten!!! Aber es gab auch unendlich viel widerliche, unappetitliche und entsetzliche Sachen, wie schmutzige Leibwäsche und unzählige Kleider. Da gab es Damenwäsche und Strümpfe ohne Zahl und ich wurde die ganze Zeit aufgefordert, mich doch nach Belieben zu versorgen. Der lettische Schutzpolizist, der uns zu diesem Unternehmen mitgegeben worden war, konnte sich nicht genug wundern und packte unentwegt grosse Bündel für sich privat zusammen und auch unser Chauffeur hatte Interesse an vielem. Mir war es aber völlig unmöglich etwas mitzunehmen. Ihr werdet mich verstehen. Auch wenn man zuletzt als Einziger der Dumme ist, der mit leeren Händen ausgeht... " (1414-2-122, Bl. 13-14)

Anschliessend beschreibt Krusenstern die grosse Bibliothek eines ehemaligen sowjetischen "Komissairs", wo er viele Propagandamaterialien gefunden hatte und zur Bearbeitung mitnahm (Aufgabe der Gruppe war auch die "Reinigung" der Bibliotheken). In ihr gab es zahlreiche Klassikerausgaben und illustrierte Prachtwerke.Hier hat es ihm nach zwei Tagen schon leid getan, dass er nichts mitgenommen hatte (daselbst, Bl. 15).

Die Auszüge liessen sich fortführen. Ich breche ab und enthalte mich des Kommentars. Aber es ist doch ein Thema zum Nachdenken, wie feinfühlende und hochgebildete Menschen mit dreihundertjährigem Adelsstolz Leute einer anderer Rasse, sogar "aus besseren Kreisen" so ganz aus den "Menschen" ausschliessen konnten und überzeugt waren, dass ihre Ausrottung eine Wohltat für die Menschheit ist. Solche Menschen sind nirgends verschwunden, und ein übertriebenes Nationalgefühl kann immer zu Ausschweifungen führen, was wir auch heute beobachten.

Ziel dieses Berichts ist, darauf aufmerksam zu machen, dass jede Begebenheit, besonders die Okkupation im Baltikum mehrere Seiten hat. Georg von Krusensterns Tätigkeit während der Kriegszeit hat dazu beigetragen, dass viele Archivalien gerettet wurden und erhalten sind. Dabei liegt auf seinem Gewissen, dass Otto Liiv als "politisch unzuverlässig" von der Verwaltung des Tartuer Archivs entlassen wurde (was dieser nicht überlebte).

Krusenstern hat den Krieg überlebt und starb erst 1986. Er ist nach dem Kriege in der BDR wohl wegen seiner Mitgliedschaft der NSDAP (seit Oktober 1941) "unzuverlässig" gewesen , im Gegenteil zu Erik Amburger, zu dem er im August 1941 "Bedenklichkeiten wegen eines fremden Bluteinschlages" geäussert hatte, und der deshalb nicht zum Bearbeiter des russischen Raums genannt wurde.

Sogar das Interesse Krusensterns an Kulturgut und Kunstgegenständen hat so manches Wertvolle für die Nachkommen erhalten, wenn wir auch nicht immer wissen, wo es sich heute befindet. Sein Lebenswerk , das bleibendes Wert hat, sind die älteren genealogischen Untersuchungen und zahlreiche Daten- und Fotosammlungen, ein Fundgrube für die aktuelle Forschung, auf die ich hiemit aufmerksam mache. Heute befinden sich seine Sammlungen hauptsächlich im Marburger Herder-Institut und sind noch wenig geschichtet.

Mir scheint, dass er Anfang 1943, gleich vielen denkenden Deutschen, schon einsah, womit der Krieg enden würde. Ich selbst erinnere mich eines Leutnants der Organisation Todt, der die Stalingrad-Katastrophe im Beisein unserer Familie kommentierte: "Jetzt ist Hitler kaputt". So etwa könnte auch Krusenstern gedacht haben und die vorher erörterte Dokumentation bewusst hinterlassen haben, um sich gegenüber der Nachwelt etwas zu rechtfertigen. Er hielt Estland für sein Vaterland und liebte es, wenn er auch zu den Esten, wahrscheinlich ganz gleichgültig war..